Programmierte schwere Beine

von Redaktion

Darf man nach dem Leistungsabfall im Spiel gegen Saudi-Arabien für den WM-Start noch optimistisch sein?

Von Günter Klein

Leverkusen – Gewinnen ist gut, manchmal muss auch ein 2:1 reichen. So, darauf verweist Bundestrainer Joachim Löw, sei es ja auch im Spiel Italiens gegen diese Saudis ausgegangen. Okay, Italien ist nicht bei der WM, möchte man einwenden. Doch Italien ist immer noch Italien.

Aber ist Deutschland das Team, das auftritt wie ein Weltmeister, wie der erste Titelanwärter, wenn es in ein paar Tagen in Russland losgeht? Oder hat sich da was eingeschlichen in den letzten Monaten und seit der glorreichen Qualifikation mit dem Punktemaximum (30 aus zehn Partien)? Fünf Testspiele lang kein Sieg, verloren sogar in Österreich – und nun nur teilsouverän gegen Saudi-Arabien, Nummer 67 der FIFA-Weltrangliste, also 66 Plätze entfernt.

Es gibt die gelassene Sichtweise. Sie gründet darauf, dass die Mannschaft aus dem Trainingslager kam. 15 Tage, länger als sonst vor Turnieren, dauerte es. „Klar, dass zum Zeitpunkt jetzt die Mannschaft noch nicht diese Frische und Dynamik hat“, sagte Löw am Freitagabend. Es sei sein Plan gewesen, „dass Müdigkeit entsteht und die Beine schwer werden“.

Was ihn zuversichtlich stimmt, das rein Sportliche betreffend: „Manu ist okay.“ Manuel Neuer spielte eine Halbzeit, „das war so abgesprochen“ (Löw). Der Coach hatte sich entschieden, auch dem zweiten Torwart Marc-Andre ter Stegen noch einmal eine Praxis-Dreiviertelstunde zu verschaffen, „weil er länger nicht gespielt hat“. Neuer fand: „Für mich ein guter Test, ein solides Spiel, bei dem ich vielleicht nicht so gefordert gewesen bin.“ In der ersten Hälfte wurde der deutsche Strafraum von den Feldspielern noch weitgehend abgeschirmt. Marc-Andre ter Stegen bekam das Gegentor. Den Nachschuss nach einem Elfmeter, den er abgewehrt hatte.

Löw ließ den gerade genesenen Jerome Boateng wieder reinschnuppern und vermerkte eine gelungene Partie von Marco Reus: „Er war agil, beweglich, hat gute Wege gemacht, das 1:0 vorbereitet. Ich bin überzeugt, dass er wichtige Akzente setzen kann und einen wesentlichen Beitrag leisten wird, dass wir weit kommen.“

Thomas Müller, der seine dritte WM angeht, erkannte natürlich die Schwächen, die sich in der zweiten Halbzeit auftaten, ist aber „guter Dinge. Wir wissen dass wir Stärken im Repertoire haben.“

Mats Hummels meint: „Wir hatten eine gute Energie direkt am Anfang, haben umgesetzt, was wir machen wollten, sind gut gestanden, haben nichts zugelassen an Kontern. Irgendwann wurde es nachlässiger.“

Das ist der Übergang in eine zweite Halbzeit, die ab der 57. Minute und dem Stimmungswandel im Publikum nach der Einwechslung des derzeit ungeliebten Ilkay Gündogan endgültig im Eimer war. Hummels: „Ich war ein bisschen überrascht, dass es so gekommen ist, weil wir eigentlich eine ballsichere Mannschaft haben. Wir haben es aber nicht geschafft, in unserer Formation zu stehen und Konter sicher abzufangen.“ Schön trainermäßig erklärt. Jogi Löw führt es noch weiter aus: „Wir haben dem Gegner mehr Raum gegeben.“

Das kommt in Freundschaftsspielen unter Löw oft vor, seit Jahren schon. Die Mannschaftsteile stehen in zu weiten Abständen zueinander – und da wird der Gegner gefährlich, wenn er ein paar schnelle Quirle hat wie die Saudis. Es schwindet dann schrittweise auch die Souveränität der großen DFB-Verteidiger, je mehr die andere Mannschaft an Tempo aufbauen kann.

Also: Ein Fortschritt gegenüber der 1:2-Niederlage in Österreich war abseits des Ergebnisses nicht festzustellen. Schon nach dem Klagenfurt-Erlebnis hatte Löw darauf verwiesen, dass seine Elf im letzten Test ganz anders auftreten werde. Das bestätigte sich nicht, der Verbesserungssprung ist auf kommenden Sonntag und den deutschen WM-Auftakt gegen Mexiko verschoben.

In die bisherigen beiden WM-Turniere unter Löws Cheftrainer-Verantwortung startete die Nationalmannschaft mit je einem 4:0 (Australien, Portugal). In der Vorbereitung hatte sie auch schwache Momente, ließ jedoch eine Steigerung erkennen. Anders als jetzt.

Besorgt deswegen? Im DFB-Team 2018 steckt viel Erfahrung. Ansage von Manuel Neuer, bevor er und die Gefährten sich in ein dreitägiges letztes Durchschnaufen verabschiedeten: „Wir bereiten uns auf das große Ganze vor.“

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