Paris – Dieser Mann ist immer und immer wieder eine Naturgewalt, und es nicht nicht so leicht, dafür noch die richtigen Worte zu finden. Mit seinem Sieg gestern in Paris gegen den Österreicher Dominic Thiem (6:4, 6:3, 6:2) schnappte sich Rafael Nadal den elften Titel bei den French Open. „Es ist mehr als ein Traum, hier elfmal zu gewinnen, denn es ist unmöglich, in solchen Kategorien zu träumen“, sagte Nadal, der zunächst ganz still seinen erneuten Erfolg genossen hatte und später auch seinen Gegner lobte: „Jeder weiß, wie wichtig mir dieser Titel ist. Es war ein großartiges Match. Dominic ist ein fantastischer Herausforderer. Ich bin sehr sicher, dass er in den nächsten Jahren noch öfter hier stehen wird.“ Es war der unglaubliche 86. Sieg für Nadal bei diesem Turnier (bei nur zwei Niederlagen), und wenn er die goldenen Hundert erreichen will, dann muss er nur noch zweimal den Titel gewinnen. Traut sich irgendwer darauf zu wetten, dass er das nicht schafft?
Den Pokal, den Coupe des Mousquetaires, überreichte diesmal der Australier Ken Rosewall (83), der vor 50 Jahren in Paris das erste Grand-Slam-Turnier der Profizeit mit einem Sieg gegen Rod Laver gewonnen hatte. Bevor er den Pokal an den Sieger überreichte, gab er zu, er sei froh, gegen Nadal und die Generation der modernen Tennis-Athleten nicht mehr spielen zu müssen. Der Blick auf das Ergebnis gibt am Ende nicht den Anteil von Dominic Thiem an diesem Nachmittag in Paris wieder; er hätte bei seiner Premiere im Spiel um den Titel sicher den Gewinn eines Satzes verdient gehabt. Als Thiem sein erstes Aufschlagspiel verlor dachten viele im Stadion: Mon dieu, das wird nicht lange dauern. Aber der Herausforderer versuchte, sich keine Sorgen zu machen, auch weil er wusste, dass er ohnehin ein langsamer Starter ist. Mit einem Rebreak meldete er sich zur Stelle, und zeigte, wie er vor ein paar Wochen in Madrid gegen Nadal gewonnen hatte.
In der vollen Abteilung von Nadal auf der Tribüne, wo Familie und Mitglieder des Teams zwei komplette Reihen besetzt hatten, war auch Onkel Toni Nadal zu finden, der zwar offiziell nicht mehr Coach des Neffen ist, aber im gleichen Sitz hockte ist wie bei den meisten von dessen der zehn Triumphen zuvor. Fast eine Stunde lang machte Thiem seine Sache großartig, aber ausgerechnet das schwächste Spiel und ein Aufschlagverlust beim Stand von 4:5 kosteten ihn den Satz.
War es das mit seiner Chance? Noch nicht gleich. Wieder zeigte er Schwächen zu Beginn des Satzes, doch diesmal gelang ihm nicht gleich ein Rebreak, und beim Stand von 0:3 musste ihm der Schwierigkeitsgrad der Aufgabe so vorkommen, als habe er den Aufstieg zum Gipfel eines Sechstausenders vor sich. Mitte des Satzes fasste er zwar wieder Tritt, doch da war ihm Nadal schon enteilt, und beim Rückstand von 0:2 Sätzen wuchs der Sechstausender weitere Tausend Meter in den Himmel. In seiner glorreichen Karriere hatte Nadal er nur zweimal nach einer Führung mit zwei Sätzen noch verloren, 2005 in Miami gegen Roger Federer und zehn Jahre später in New York gegen den Italiener Fabio Fognini.
Auf dem Weg zum elften Titel in Paris war der Spanier mit der gewohnten Autorität unterwegs, wenn auch für fünf Minuten kurz unterbrochen, als er den Mittelfinger seiner Schlaghand nicht mehr bewegen konnte, sich kurz behandeln und den Tapeverband um sein Handgelenk entfernen ließ. Danach hatte er den Schläger und das Spiel wieder im Griff. Dominic Thiem sah nun in manchen Momenten schwer mitgenommen aus, beide Spieler litten unter der fast asiatischen Luftfeuchtigkeit. Der Himmel verfinsterte sich, und nachdem Nadal die ersten vier Matchbälle vergeben hatte, krabbelte einen kurzen Moment lang der Gedanke übers Netz, ob es tatsächlich noch regnen würde. Doch unter dunkelgrauem Himmel machte Nadal das Werk mit Matchball Nummer fünf perfekt. Dominic Thiem, der allen Grund hatte, auf sich stolz zu sein, sagte bei der Siegerehrung, er habe Nadals ersten Triumph 2005 als elfjähriger Bub zuhause am Fernseher gesehen und er hätte niemals erwartet, einmal gegen diesen Mann um den Titel im Stade Roland Garros zu spielen. Es war ihm eine Ehre.