Serie: Fragen zur WM in Russland (X und Schluss)

Bei wem läuft alles aus dem Ruder?

von Redaktion

Mal missglückt die Anreise, mal streiken die Spieler, mal kollabiert der Teamgeist – große Turniere sind oft Schauplatz menschlichen Versagens

von marc beyer

München – Viel Zeit habe er leider nicht, sagt Winfried Schäfer am Telefon. Ein paar Minuten, er bitte um Verständnis, aber der nächste Termin stehe schon an. Als renommierter, weitgereister Fußballtrainer ist man in diesen Wochen ein begehrter Gesprächspartner, selbst wenn der eigene Klub Esteghlal Teheran Sommerpause hat. Weitgereist, das ist das Stichwort. Als Schäfer hört, worum es geht, kichert er leise. Und dann kommt er aus dem Plaudern nicht mehr raus.

Am Ende dauert der Anruf knapp eine Dreiviertelstunde und Schäfer (68) hätte noch ein paar Anekdoten übrig gehabt. Wenn jemand eine Reise tut, so kann er was erzählen. Der Trip im Frühsommer 2002 ist wirklich einer, den man als Beteiligter niemals vergessen wird. Allein schon die Route: Paris – Addis Abeba – Bangkok – Bombay – Tokio.

Der Reihe nach: Als Kamerun, der amtierende Afrikameister und heimliche Mitfavorit, zur WM nach Japan aufbricht, hat das Team sein erstes Abenteuer schon hinter sich. Zwei Tage vor dem Abflugtermin schwört Schäfer die Mannschaft noch mal ein: „Ich habe so was gesagt wie ,Jungs, freut Euch auf die WM’. Da gucken die mich an, und der Rigobert Song sagt: ,Trainer, wir fliegen nicht!’“

Es stellt sich heraus, dass der Sportminister des Landes die Prämie für die erfolgreiche Qualifikation noch immer nicht gezahlt hat. „Gar nicht so viel, vielleicht 10 000 Euro pro Mann“, erinnert sich Schäfer. Aber genug, um den Stolz der Kicker zu verletzen. Drei Tage verzögert sich die Abreise, die gecharterte Maschine steht solange am Flughafen Charles de Gaulle. „Das hat mehr Geld gekostet, als der Minister zahlen musste.“ Irgendwann kommt der Politiker, bringt das geforderte Bargeld mit, einen Batzen für jeden Spieler, und das erste Problem ist gelöst. „Ja, und dann sind wir geflogen.“ Und dann wird es erst richtig turbulent.

In Äthiopien soll die Maschine auftanken, wird wegen einer Außenministerkonferenz aber aufgehalten. „Drei Stunden, im Grunde kein Problem.“ Zumindest verglichen mit Bangkok, der nächsten Station, wo man acht Stunden an Bord ausharren muss. „Die Jungs haben Karten gespielt. Ich habe mich zu ihnen gesetzt. War herrlich.“ Dummerweise kann Kerosin nur bar bezahlt werden, nicht mit kamerunischen Kreditkarten. „Angeblich hat dann der Staatspräsident das Geld vorgestreckt. Kann ich aber nicht beweisen.“ Die ganze Prozedur dauert so lange, dass es keine Flugerlaubnis Richtung Japan mehr gibt. „Da sind wir nach Bombay ausgewichen.“

An dieser Stelle fällt Schäfer „Dinner for one“ ein, der Silvesterklassiker, wo auch immer das Gleiche passiert. In Indien ist es genauso: „Wieder acht Stunden warten.“ Die Flughafensteuer diesmal. Als Kamerun, der stolze Afrikameister, letztlich in Japan ankommt, hat das Team fast eine Woche Verspätung, einen 45-Stunden-Trip in den Knochen und ein Testspiel gegen England zu bestreiten. Ganz in der Nähe des Teamhotels, hat man dem Trainer erzählt. „Aber da hat man mich wieder belogen.“ Die Fahrt zum Stadion dauert fünf Stunden.

Am Ende scheitert Kamerun in der Gruppenphase, im entscheidenden Spiel setzt es ein 0:2 gegen Deutschland. „Eine Schande“, klagt Schäfer. „Diese Mannschaft hatte das nicht verdient.“ 2002 ist das Team auf dem Zenit seines Könnens, doch Organisationsmängel, Inkompetenz und ungenügendes Krisenmanagement bescheren dem Land eine Erfahrung, die nachwirkt. „Das läuft immer noch in den Medien“, weiß Schäfer.

Man denkt, so eine WM, die nur alle vier Jahre stattfindet, sei eine Veranstaltung, bei deren Vorbereitung nichts dem Zufall überlassen wird. Aber manchmal laufen dann trotzdem die Dinge so aberwitzig aus dem Ruder, dass kein Drehbuchschreiber bessere Wendungen hinbekommen hätte. Vier Jahre nach dem Desaster Kameruns schreibt Togo ein weiteres Kapitel afrikanischer Fehlplanung. Bei der WM in Deutschland quittiert Nationaltrainer Otto Pfister den Dienst vor dem ersten Spiel. Die Geschichte klingt bekannt. Der Kölner Pfister ist entnervt, weil die Mannschaft auf Prämien wartet und mit Streik droht. Am Ende nimmt er die Ankündigung zurück, aber Ruhe kehrt nicht mehr ein. Sein Team verliert alle Partien, und zwischendurch attackiert der Generalsekretär den Trainer noch, indem er ihn als Trinker hinstellt. Pfister ist empört und reagiert mit dem Hinweis, er trinke überhaupt keinen Alkohol.

Fast könnte man meinen, afrikanische Teams neigten besonders zur Selbstzerstörung, aber damit täte man ihnen Unrecht. Auch Europäer können ihre Ziele sehr wirkungsvoll sabotieren, wenn sie nur wollen. Die französische WM-Kampagne 2010 ist ein Paradebeispiel für zwischenmenschliche Abgründe, übertriebene Eitelkeiten und Selbstüberschätzung. Ein Spieler (Nicolas Anelka) beleidigt den Trainer (Raymond Domenech) auf Gossenniveau, ein Maulwurf plaudert die Geschichte aus, der Verband suspendiert den Sünder, die Mannschaft sucht den Maulwurf, und am Ende streikt das ganze Team. Selten hat sich eine große Fußballnation dermaßen bis auf die Knochen blamiert.

Winfried Schäfer kann über diese Eskalationen heute gut lachen. Er hat den nötigen Abstand. Jahre später, beim Gold Cup 2015 in den USA, erlebt er als Trainer Jamaikas noch mal ein heikles Szenario. Es ist wieder die alte Mischung: Vollmundige Funktionäre, offene Zahlungen, Streikdrohungen. Am Ende bietet der Verbandspräsident an, die Hälfte der Prämien für das Erreichen der nächsten Runde an die Mannschaft auszuschütten. Er denkt, Jamaika werde eh scheitern. Doch das Team siegt und stürmt bis ins Finale der Nord- und Mittelamerikameisterschaft. Frohgemut und gut dotiert.

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