München – Wenn der Ball bei der WM in Russland rollt, ist auch in der FC Bayern Erlebniswelt WM-Fieber angesagt – ab dem Turnierstart können die Besucher in einer Sonderausstellung 32 Poster bewundern, die Grafik-Designer aus allen WM-Teilnehmern kreiert haben. Klaus Augenthaler war gestern dabei, als die Kollektion vorab präsentiert wurde. „Das von Brasilien hätte ich auch selber malen können“, sagte er mit einem Grinsen. Der langjährige Bayern-Kapitän kennt sich mit WM-Turnieren jedenfalls aus; er stand 1986 und 1990 jeweils im Finale. Beim zweiten Versuch gewann er den Pokal.
-Herr Augenthaler, auf was kommt es in den letzten Tagen vor dem Start eines WM-Turniers noch an?
Ruhe zu bewahren. Die Tests sind kurz vor so einem Turnier nicht aussagekräftig. Wir waren 1990 grottenschlecht, normalerweise hätte man sagen müssen, wir brauchen gar nicht erst zur WM nach Italien zu fahren. Im Vorfeld wird immer vor allem extern viel diskutiert, diesmal zum Beispiel, warum Leroy Sané nicht dabei ist. Intern ist man da ruhig. Joachim Löw hat so viel Erfahrung. Er wird sich bei allem was gedacht haben.
-Sie teilen die Sorgen nach den schwachen Testspielen also keineswegs?
Ich glaube wirklich, dass die Chance groß ist, den Titel zu verteidigen. Das gab es schon lange nicht mehr.
-Sie waren einst der Abwehrchef – haben Sie nicht gerade in der Defensive ein gewisses Bauchgrummeln? Manuel Neuer fehlte fast ein Jahr, auch Jerome Boateng kommt aus einer Verletzungspause . . .
Es ist müßig, zu behaupten, die Abwehr ist ein Problem. Natürlich waren beide verletzt, aber Löw und sein Trainerstab sehen die Spieler jeden Tag im Training. Sie werden gegen Mexiko die aufstellen, die das Vertrauen haben.
-Wie sehen Sie die Besetzung vorne – ist Timo Werner schon WM-reif?
Das wird sich zeigen. Ich ziehe mal einen Vergleich zu 1990: Da waren die Tests katastrophal, aber dann haben wir zum Start Jugoslawien, einen Mitfavoriten, 4:1 weggeputzt. Das erste Spiel kann mitentscheidend sein. Mexiko war zuletzt nicht stark. Ich denke, die deutsche Mannschaft ist gefestigt und bereit. Der Kader ist stark, weil er so ausgeglichen ist. Deutschland braucht keine Lionel Messis oder Cristiano Ronaldos.
-Ist der Kader stärker als vor vier Jahren?
Die Mischung ist sehr gut. In Italien hatten wir 1990 auch noch ein paar Routiniers von 1986 dabei, dazu kamen ein junge Wilde. Die Mischung macht’s. Und die passt.
-Wer sind Ihre Hauptkonkurrenten?
Brasilien ist wiedererstarkt. Spanien und Argentinien darf man nie aus dem Blick lassen. Frankreich ist stark, aber vielleicht noch etwas zu jung. Ich tippe auf ein Finale Deutschland gegen Brasilien.
-Wie sind Ihre Erinnerungen an den Coup 1990? An den Morgen danach?
Als in der Kabine die Champagner-Flaschen geknallt haben, kam Bundeskanzler Helmut Kohl herein – und auch die Doping-Prüfer. Die haben mich mitgenommen. Ich war vier Stunden bei der Kontrolle, das war Pech. Als ich ins Hotel kam, war die Feier voll im Gange. Wir haben durchgemacht, und als ich am Morgen aus dem Fenster geschaut habe, ist unten auf der Wiese Sepp Maier mit Thomas Häßler in einem Golfwagen durch die Rasensprengeranlagen gefahren. Im Grunde gab es keinen Morgen danach (grinst).
Aufgezeichnet von Andreas Werner