Kloses Erben

von Redaktion

Mario Gomez und Timo Werner sollen die deutschen WM-Tore schießen – aber sind sie gut genug?

VON GÜNTER KLEIN

München/Moskau – Miroslav Klose ist eine Legende. Ganz offiziell. Die FIFA verleiht diesen Status, Spieler, die die Geschichte der Weltmeisterschaften mitbestimmt haben, werden zu „FIFA Legends“ ernannt – weswegen man immer noch Pelé, Diego Maradona und den struwwelpetrigen Carles Puyol auf diversen glamourösen Fußball-Events sich präsentieren sieht. Miroslav Klose hatte seine erste Buchung als FIFA Legend im Dezember 2017 – bei der Gruppenauslosung für die WM-Endrunde. „Ich durfte den Pokal reintragen, das war eine Ehre. Und es war schön, die Spieler von früher zu treffen.“ Für das Turnier hat der erfolgreichste WM-Torjäger aller Zeiten aber keine Einladung bekommen: „Es ist ja bekannt, dass ich in anderer Funktion in Russland sein werde.“

Klose ist dabei als Trainer-Praktikant im Stab von Joachim Löw. Marcus Sorg, Co-Trainer, sieht in ihm „einen sehr talentierten Trainer. Bei den trainingsspezifischen Abläufen helfen wir ihm noch. Für uns ist er mit seinem Wissen wertvoll: Miro sieht vieles aus der Sicht eines Weltklasse-Spielers.“ Der Werdegang Kloses ist wohl auch einmalig: vier WMs gespielt, bei jeder gut gewesen. 2002: Die Entdeckung, fünf Tore in der Vorrunde, das Kopfballmonster, das im Jubel Salti schlägt. 2006: Der gereifte Star, auch am Boden stark, er lenkt den jungen Nebenmann Lukas Podolski, trifft nun auch außerhalb der Aufwärmspiele in der Gruppenphase. 2010: Er ist als Ü30-Spieler immer noch eine Bank, auch wenn er nicht mehr jedes Spiel voll macht (und einen Platzverweis erlebt). 2014: Sein faszinierendes Alterswerk als Joker und Arbeiter. Allein mit seiner Präsenz beschäftigt er die Gegner.

Wenn die deutschen Aussichten 2018 zuletzt mit zunehmender Skepsis beurteilt wurden, dann, weil Miroslav Klose, der mit 40 noch so aussieht wie mit 36, im Training nicht mehr das weiße Spieler-Shirt trägt, sondern das grüne. Er spielt nicht mehr, und die Deutschen sind unschlüssig, ob sie einen Nachfolger von Kloses Format gefunden haben. Klose war eine Marke. Der Mann, der bei der WM immer traf. Da konnte Argentinien ruhig seinen Messi, Portugal Ronaldo, Uruguay Suarez haben. Doch 2018 scheint das deutsche Team auf der vordersten Position gegenüber anderen im Rückstand.

Das DFB-Team hat zwei Stürmer benannt: Timo Werner und Mario Gomez. Sie stehen für Kontraste: jung (22) und alt (32), extrem schneller und wendiger gegen großen und wuchtigen Angreifer, von dem auch Kopfballaktionen zu erwarten sind. Aber gehört einer von ihnen zur höchsten internationalen Kategorie?

Werner zu Bayern?

Timo Werner konnte sich beim Confederations Cup 2017 profilieren. Obwohl auch mal Kollege Sandro Wagner zum Zug kam, standen für Werner am Turnierende vier Treffer, damit war er Torschützenkönig. Seine Stärke ist, dass er allen davonlaufen kann und im Abschluss nicht fackelt, er geht auch auf die Außenpositionen und ist ein guter Vorlagengeber. Weil er mit 17 als Ausnahmetalent schon in der Bundesliga auftauchte (VfB Stuttgart), hat er bereits einen Erfahrungsschatz aufgebaut (158 Bundesligaspiele). Nachteile: Sein zweites Jahr in Leipzig geriet schwächer als sein erstes, in der Rückrunde gab es wenig an Werner-Szenen.

Wohin sein Weg führt, ist noch nicht absehbar. Zu den Bayern oder nach Dortmund, nach England, nach Spanien – aktuell gilt Timo Werner als spannender junger Spieler (veranschlagter Marktwert 60 Millionen Euro), bei dem noch unklar ist, ob er ein internationaler Topstar wird.

Seine Ausgangslage ist ähnlich der, die Mario Gomez hatte, der vor der EM 2008 Nationalspieler wurde. In seinem Fall war man relativ sicher, dass er sich an einer großen Adresse einrichten würde. Womöglich Barcelona. Gomez wechselte erst einmal zum FC Bayern – und erlebte dort den Karriereknick. Beim Triple-Gewinn 2013 spielte er – Ausnahme Pokalfinale – kaum eine Rolle, die Stationen danach waren: Florenz, Besiktas Istanbul, Wolfsburg, heim zum VfB Stuttgart. Für die WM 2014 wurde er nicht nominiert, und noch jedes Turnier ist für Gomez unter einem unglücklichen Stern gestanden. 2016, bei der EM, war er stark – und verletzte sich im Viertelfinale. Seit der Bayern-Zeit (endete 2013) hat er nicht mehr Champions League gespielt. Den internationalen Fußball erlebt Gomez nur sporadisch.

Trotzdem hat sein ehemaliger Mitspieler Miroslav Klose eine hohe Meinung von ihm: „Mario hat eine unglaubliche Stärke im 16-Meter-Raum, sein Torschuss ist links und rechts gut. Und menschlich war er ohnehin immer top.“ In seinen späten Jahren hat Gomez sich zudem zu einem Anführer entwickelt – wenngleich auf allenfalls mittlerer Ebene: In den Abstiegskämpfen des VfL Wolfsburg und VfB Stuttgart war er der Mentalitäts-Trumpf. Daher geht Gomez gestärkt zur WM.

Auf einen dritten Stoßstürmer hat Löw bei der Nominierung verzichtet. Was bedeuten könnte, dass er vielleicht mit Marco Reus als quasi zweiter Spitze überrascht. Und dann hat er noch Thomas Müller als verkappten Mittelstürmer mit bislang zehn Treffern aus zwei Turnieren. Er ist schon nahe an der FIFA Legend. Und wird in einer Zukunft nach der Karriere auf den Fußball-Bühnen regelmäßig auftauchen.

Miroslav Klose hat es mit Celebrity-Auftritten nicht so. Er schlägt auch ernsthaft eine Trainerlaufbahn ein. Bevor er mit ins DFB-Trainingslager nach Südtirol ging, hatte er die Saisonvorbereitung mit der U17 des FC Bayern geplant, denn bei günstigem WM-Verlauf kann er am 1. Juli noch nicht anfangen. Das freie Wochenende vor Abreise zur WM verbrachte er weitgehend auf dem Campus in München. Obwohl da noch was Privates gewesen wäre: Klose wurde 40. Egal, er hatte zu tun.

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