Nach dem Titel in Rom: Der einsame Kaiser

von Redaktion

Kaum eine WM wird so verklärt wie das Turnier in Italien vor 28 Jahren. Wirft man einem Fan mittleren Alters das Stichwort „Italia ’90“ hin, denkt kaum einer an das insgesamt überschaubare Niveau der Spiele, ganz im Gegenteil. Bei den meisten dürfte ein Film vor dem inneren Auge ablaufen, der in etwa folgende Szenen enthält: Der furiose Auftakt der Deutschen gegen Jugoslawien mit zwei schönen Toren von Lothar Matthäus, der Achtelfinal-Fight gegen die Niederlande mit Roten Karten gegen Frank Rijkaard und Spuckopfer Rudi Völler, der Elferkrimi im Halbfinale gegen England – und als Krönung: Das Finale gegen Argentinien, entschieden durch einen Präzisionselfmeter von Andreas Brehme, weil Matthäus sich nicht sicher fühlte. Unvergessen sind neben dem Titelsong von Gianna Nannini („Un Estate Italiana“) auch die Tränen von Diego Maradona, dessen Traum von der Titelverteidigung sich nicht erfüllte. Und ein besonders magisches Bild – der einsame Kaiser auf dem Rasen von Rom. Franz Beckenbauer, der das deutsche Team mit beispielloser Akribie zum Titel gecoacht hatte, verspürte im Moment des Triumphs vor allem einen Drang, wie er später verriet: „Ich wollte nur noch allein sein.“ Allein mit sich und seinen Gedanken, von denen er auf der Pflichtpressekonferenz danach ein paar unters Volk brachte. Unter anderem den legendären Satz: „ . . . und wenn jetzt noch die Spieler aus den neuen Bundesländern dazu kommen, dann wird unsere Nationalmannschaft auf Jahre hinaus unschlagbar sein.“ Es kam bekanntlich anders. Quälende 24 Jahre vergingen bis zum nächsten WM-Triumph, was auch ein Grund dafür sein mag, dass sich die Deutschen in „Italia ’90“ so sehr verliebt haben. Ulk / Foto: screenshot

Artikel 9 von 11