Moskau – Mit der Zettelwirtschaft ist es nun vorbei. Die FIFA ist im digitalen Zeitalter angekommen, alles läuft sekundenschnell und elektronisch, es gibt nicht mehr diesen Spannungsbogen, dass der Präsident des Fußball-Weltverbandes erst einen Briefumschlag öffnen, bedeutungsvoll in den Saal blicken und feierlich „And the winner is. . .“ sagen muss. Das Ergebnis darf der FIFA-Chef zwar noch verkünden, aber es leuchtet gleichzeitig auf dem großen Videoscreen auf. Und da stand: Die WM 2026 wird das Dreierbündnis Kanada, Mexiko, USA, die „United Bid“, ausrichten.
Neu ist auch die Öffentlichkeit, mit der eine solche Entscheidung begleitet wird. Erstmals war nicht das aufgelöste Exekutivkomitee (24 Mitglieder) stimmberechtigt, sondern der gesamte Kongress, mit 203 der 210 nationalen Mitgliedsverbände. Also wurden sofort detaillierte Ergebnisse bekannt gegeben. Die Amerika-Gruppe hatte 134 Stimmen bekommen (67 Prozent), Mitbewerber Marokko 65 (33 Prozent). Nur eine Stimme besagte: Keiner von beiden, lasst uns andere Interessenten suchen.
Dann flimmerte ein aufgeschlüsseltes Ergebnis über die Bildschirme: Wie welcher Verband sich entschieden hatte. Ein weiterer Schritt der Transparenz. Es hatte allerdings auch Bedenken gegeben. Marokkos Bewerbern wäre es lieber gewesen, das Abstimmungsverhalten geheim zu halten – die Furcht vor der Rache des Donald J. Trump und vor wirtschaftlichen Sanktionen des US-Präsidenten und wütenden Twitterers. Interessant dabei: Nordkorea, neues Buddy-Land Trumps, gab seine Stimme Marokko.
„Vor Ihnen sitzt ein glücklicher Präsident“, sagte Gianni Infantino zum Abschluss der Veranstaltung. Mit dem Sieg von Kanada, Mexiko, USA hatte er seinen Willen bekommen. Es war die Bewerbung, die als die technisch eindeutig bessere bezeichnet worden war. Es ist die, mit der sich das Konzept der Nachhaltigkeit besser betonen lässt. Fatma Samoura, die FIFA-Generalsekretärin, hatte aufgeschlüsselt: „Marokko müsste neun Stadien neu bauen und fünf renovieren.“ Die USA und ihre Nachbarn hingegen können bereits einen guten Bestand an Stadien aufweisen, die sie in ihrer 15-minütigen Präsentation „ikonisch“ nannten. Da verpufften andere marokkanische Argumente wie der Bau einer TGV-Linie, der passenden Zeitzone, dem schönen Wetter und der Weltführerschaft in der Solarenergie. Lothar Matthäus als Botschafter im Film riss es ebenfalls nicht raus. Und die Anspielung von Organisations-Chef Moulay Hafid („Bei uns sind Waffen formell verboten“) verpuffte.
Vor allem konnten die Nord- und Mittelamerikaner die FIFA mit dieser wuchtigen Zahl locken: 11 Milliarden Dollar. So hoch soll der Profit ausfallen, der für den Weltverband hängen bleiben wird. Carlos Cordeiro, Präsident von US Soccer, sagte: Wir sind der größte Sponsorenmarkt der Welt.“ Marokko hatte lediglich fünf Milliarden Dollar in Aussicht stellen können (Hafid: „Doppelt so rentabel wie Brasilien 2014“). 48 Nationen werden starten dürfen bei der WM 2026, ergibt 80 Spiele. Die Veranstaltung wird so groß wie keine vor ihr. Und in einer neuen Dimension einträglich.
Gianni Infantino sieht sich in seiner Position gestärkt. Die Tage zuvor in Moskau waren für ihn nicht so gut verlaufen. Mit dem Gesuch, schon für Katar 2022 auf 48 Teilnehmer aufzustocken scheiterte er ebenso wie mit dem Ansinnen, ein arabisches Konsortium als Bieter für neue FIFA-Wettbewerbe ins Spiel zu bringen. Die WM-Vergabe 2026 war dann sein Sieg. „Am 4. Juni im Paris, auf dem FIFA-Kongress 2019, werde ich mich wieder zur Wahl stellen“, kündigte er an.
Die Nachfragen der Medien nach Ermittlungen der USA-Behörden gegen frühere Exko-Mitglieder der FIFA und Untersuchungen der Ethik-Kommission gegen Fatma Samoura wehrte er ab: „Sie suchen immer das Haar in der Suppe. Und sehen Sie: Ich habe keine.“