In Moskau angekommen. Ich habe – großes Glück – eine Wohnung für die Zeit der WM gefunden. Viel schöner als im Hotel zu leben und viel viel günstiger. Näher zum Luschniki-Stadion ist es auch: zwei Metro-Stationen, acht Minuten Fahrtzeit. Aber: Ich hätte meine schöne Wohnung, nachdem ich sie verlassen hatte, fast nicht mehr gefunden.
Umet, ein freundlicher junger Usbeke, hat mich vom Flughafen abgeholt, mich in die Stadt gebracht, mir jeden Lichtschalter und jede Schublade erklärt und mir den Schlüssel dagelassen. Ich habe mich gefreut über die tolle Lage: nebenan ein Park, ein Segen in einer Mega-City! Dann machte ich mich auf den Weg zur Akkreditierung. Alles lief glatt, auf dem Rückweg noch Supermarkt – Vorfreude aufs Teilzeitheim. Ich hatte mir die Abzweigung von der Hauptstraße gemerkt. Zumindest dachte ich das.
Eine Eigenart von großen Städten wie Moskau ist: Größere Häuser haben keine sehr starke individuelle Ausprägung, es gibt sie mehr als einmal, und so stehen sie gleichförmig nebeneinander. Einfach hineinspazieren in solch ein Haus kann man nicht. Es gibt eine Schließanlage, an die man einen Chip hält – wird er erkannt, springt die Türe auf und man passiert noch eine Pförtnerin.
Es war nach 20 Uhr und begann zu dämmern, als ich meinen Chip an den Eingang des Hauses, das ich für meines hielt, drückte: „Error.“ Verzweifelt-flehentlicher Blick nach innen. Aus der Pförtnerin war ein Pförtner geworden, ein alter Mann, beseelt von Misstrauen. Wohin des Wegs, wer bist du, offensichtlicher Fremder, der ich dich hier noch nie gesehen habe? Sanft schob ich ihn zur Seite: „Zwölfte Etage, Wohnung Nummer 89.“ Ich fuhr hinauf, stand vor der Tür einer Nummer 89. Sie kam mir fremd vor. Der Schlüssel passte nicht. Wieder hinunter. „Iswinitje, entschuldigen Sie, werter Pförtner, falscher Eingang.“ Er saß über einer Liste mit Wohnungen gebeugt und telefonierte bereits mit mindestens der Hausverwaltung („Er ist kein Russe“). Ich machte mich aus dem Staub. Zwei Blöcke weiter war „mein“ Haus. Mit der richtigen Nummer 89 im zwölften Stock. Es gibt viele Wohnungen Nummer 89 in zwölften Stöcken. Die Tür ging auf. Daheim. Gerettet. Und um eine Erfahrung reicher. Für eine neue Schusseligkeit ist man nie alt und WM-erfahren genug. Günter Klein