Moskau – Berti Vogts war in den vergangenen Wochen beim Deutschen Fußball-Bund ein sehr gefragter Gesprächspartner. Er ist der Experte fürs Scheitern. Er hat es zweimal erlebt, wie es ist, als Titelverteidiger zur Weltmeisterschaft anzutreten und traurig heimreisen zu müssen.
Er erzählt: 1978. Da hat es der DFB verbockt. Mit seiner rigiden Politik, Spieler, die sich bei ausländischen Clubs verdingen, nicht in die Nationalmannschaft zu berufen. Franz Beckenbauer war bei Cosmos New York, er hätte die WM in Argentinien gespielt (die Forderung, ihn zu berufen, ging damals sogar durch den Deutschen Bundestag). „Und Uli Stielike“, erinnert sich Vogts, „war unser überragender junger Mann, aber bei Real Madrid, deswegen nahm man ihn nicht“. Vogts, Weltmeister von 1974, ging mit einer schwachen Mannschaft unter, die WM endete in einer Niederlage gegen Österreich. Das berühmte Cordoba.
1990 wurde Vogts ein zweites Mal Weltmeister. Er war Assistent von Teamchef Franz Beckenbauer. Dann wurde er Bundestrainer. 1994 reiste er bester Hoffnung zur WM in die USA. Bis heute sagt man, die 94er-Truppe sei noch besser besetzt gewesen als die von 1990. Doch im Viertelfinale wurde sie rausgeköpft vom Bulgaren Yordan Letchkow, einem Bundesligaspieler, der sein Luftduell mit dem überschaubar großen Thomas Häßler gewann. „Wir waren keine Mannschaft“, erkannte Vogts in der Nachbetrachtung, „wir hatten Grüppchen. Die Weltmeister, die neu dazugekommenen Spieler.“
2018 will der DFB nichts falsch machen, abermals Weltmeister zu werden ist das erklärte Ziel. Zuletzt hat Brasilien es verwirklichen können. Der Weltmeister von 1958 wurde Weltmeister 1962. Danach setzte so etwas ein wie der Fluch des Weltmeisters. Besonders drastisch bei drei der vergangenen vier WM-Turniere: 2002: Frankreich als Weltmeister in der Vorrunde raus, mit einem Punkt, Letzter. 2010: Champion Italien schafft es nicht durch eine Gruppe mit Neuseeland. 2014: Das Trauma trifft Spanien, das nicht nur mit dem WM-Titel von 2010, sondern auch der EM 2012 unbezwingbar gewirkt hatte. Trotzdem erwischte es auch die Iberer schon in der Vorrunde.
Gab es Gründe? Frankreich reklamierte Überbeanspruchung seiner renommierten Spieler in der Champions League (die damals mit einer Zwischenrunde noch üppiger terminiert war), die Italiener fühlten sich überaltert, und Spanien wusste nicht, woran es gelegen hatte. Vielleicht war man zu lange zu gut gewesen und einfach fällig.
Der Vorteil, mit dem der DFB ins Projekt 2018 startet: Er kann sich an den warnenden Beispielen orientieren. Joachim Löw hat versucht, in den vergangenen vier Jahren mehr Systemvariabilität zu schaffen, und er hat den Personalstamm erweitert. Vor allem: verjüngt. Im Kader stehen mehr Nicht-Weltmeister (14) als Weltmeister (9). Man hört immer wieder das Wort „Hunger“. Und vernimmt den Vorsatz „fokussiert sein“.
Einer der schwammigsten Begriffe überhaupt im Leistungssport – einer wie Mats Hummels muss milde lächeln, wenn er ihn hört. Mit höchster Konzentration auf ein Ziel zusteuern, das tue man immer. Scheitere man, werde mangelnde Fokussierung „in der medialen Berichterstattung danach“ thematisiert. Doch man kann auf eine Sache hinarbeiten, so intensiv es nur geht, und doch erfolglos bleiben. „Weil sich neue Situationen ergeben“, so Hummels, „weil die Tagesform eine Rolle spielt. Und der Faktor Glück ist wirklich sehr entscheidend.“
Was gewiss hilfreich ist: ein intakter Teamgeist. So wie man ihn vor vier Jahren hatte. Per Mertesacker, 2014 dabei und inzwischen am Karriereende als Fußballer angelangt, blickte gerade in einigen Interviews zurück. Er sagte, Löws beste Maßnahme in Brasilien sei gewesen, dass er sich fast ausschließlich um die Reservisten kümmerte, sie lobte und bei Laune hielt. Denn nur wer sich als Teil des Ganzen fühlt, auch wenn er nicht mitspielen darf, leistet seinen Beitrag und kann gönnen. „Dass man sich untereinander gut versteht, das erzählt man vor jedem Turnier“, erinnert sich Mertesacker. Profipflicht, das zu sagen. Man nimmt sich vor, dass es so ist, man ist entschlossen, es so zu empfinden – doch dadurch gelingt es noch nicht. Es muss sich ergeben. „Man kann“, ist sich Mertesacker sicher, „Brasilien und was wir im Campo Bahia erlebt haben, nicht kopieren. In Russland muss eine andere Story geschrieben werden.“
2014 schleppte das Team einige Rekonvaleszenz-Fälle in die WM hinein, vor allem in der Zentrale (Schweinsteiger, Khedira), musste sich eine Formation erst finden. 2018 ist die Struktur klar, Verletzungen sind nicht das große Thema, es gibt weniger Verlegenheits-, sondern mehr Überzeugungsnominierungen – dafür hat sich als potenzielles Hindernis die unbewältigte Affäre um die Spieler Özil und Gündogan mit ihrem Erdogan-Treffen aufgebaut. Ein Fall, wie ihn der DFB noch nie hatte.
Die Planung der sportlichen Leitung reicht bis 15. Juli, den Finaltag in Moskau, alles ist durchgetaktet. Julian Draxler sagt: „Dass wir die Vorrunde nicht überstehen, halte ich für ausgeschlossen.“ Ist das noch gesundes Selbstvertrauen – oder schon Überschätzung?
Auch die Wissenschaft versucht die Frage vorab zu beantworten, wer Weltmeister 2018 wird. Von der Universität Innsbruck über die Wirtschaftsprüfer von Deloitte bis zu den Berliner INWT Statistics: Es wurden vorangegangene Turniere analysiert und das kommende zehntausend oder noch mehr Male simuliert. Die letzte Erhebung sieht Deutschland mit einer Titelwahrscheinlichkeit von 19,7 vor Brasilien mit 19,6 Prozent. Klarer Favorit ist also keiner.