Moskau – Zu der Causa Gündogan/Özil/Erdogan ist ein interessanter Text erschienen. Schon am 29. Mai, als die Sache gut zwei Wochen alt war. Aber das englischsprachige Portal „China Football 8“ ist kein Mainstream-Medium und wird folglich übersehen. Bemerkenswert ist, wer den Text „Botschafter gegen ihren Willen? Fußballer in Kontakt mit Politikern“ verfasst hat: ein Doktorand der Ruhr-Universität Bochum, Fachgebiet: Chinas Fußballpolitik und Markterfassung in der Ära von Xi Jinping. Sein Name: Ilker Gündogan, Bruder von Ilkay Gündogan.
Ilker erzählt, wie er im Zug von Dortmund nach Paris saß, ihm gegenüber diskutierten vier ältere Damen das berühmte Foto: Mesut Özil und Ilkay Gündogan, wie sie dem türkischen Präsidenten Erdogan ihre Vereinstrikots überreichen. „Wie dumm sind die!“, sagten die Frauen.
Ilker Gündogan dachte nach über die Wirkung, die solche Aufnahmen erzielten. Er verweist auf ein Beispiel von 2015. Damals besuchte Chinas Präsident Xi Jinping Großbritannien, er traf das Team von Manchester City. Dessen Star Sergio Agüero aus Argentinien machte ein Selfie mit Xi, und der damalige britische Premier David Cameron drängte sich fanmäßig ins Bild. Cameron bekam reichlich Spott ab, über Agüeros Verhalten wurde nicht diskutiert, „obwohl der Führer der Leninistischen Partei in China auch nicht gerade liberal-demokratische Werte repräsentiert. Agüero wurde auch nicht angegriffen, „dass er seine Rolle als Vorbild für Millionen Kinder und Heranwachsender verfehlt hat.“
Der Fall seines Bruders sei anders, „denn es geht um Verhaltensmuster tiefer nationaler Identifikation“. Agüero habe sich „nicht entscheiden müssen, ob er für Argentinien oder China spielt, er hat keine chinesische Staatsbürgerschaft oder familiäre Beziehungen in dieses Land.“ Bei Gündogan und Özil liegt der Fall anders. Nun würden sie behandelt, als hätten sie Hochverrat begangen. Hingegen Cenk Tosun, der bei dem Treffer auch dabei war: Wird in der Berichterstattung kaum berücksichtigt. Auch er ist in Deutschland aufgewachsen, hat für deutsche U-Nationalteams gespielt, sich als Erwachsener aber für die Türkei entschieden. Allein um Werte scheint es also nicht zu gehen, findet Ilker Gündogan.
„Identität ist nicht statisch“, versucht er sich an einer Erklärung, „sie steht in einem Kontext“. Man könne sich im einem Moment mehr der einen Seite zugehörig fühlen, das drücke sich auch in der äußeren Erscheinung aus wie im Schnurrbart seines Bruders. Die deutsche Ethnologin Nina Szogs würde vom Phänomen der Selbsttürkifizierung sprechen. „Ilker: Andersherum fühlen sich die Spieler, tragen sie das DFB- Trikot, mehr Deutschland verbunden. Das eine schließt das andere nicht aus.“
Seinen Bruder weist Ilker Gündogan als unpolitisch und keineswegs dumm aus, „er hätte auch eine akademische Karriere machen können“. Er stellt fest, dass Nationalspieler mit Migrationshintergrund als Botschafter für etwas herangezogen werden, dass weit über ihre sportliche Vorstellung auf dem Rasen hinausreicht.
Schlussfolgerung: „Fußballer profitieren in vielerlei Weise von ihrer unglaublichen Medienreichweite. Sie sollten sich bewusst sein, dass sie eine soziale und politische Verantwortung haben, die sie nicht gesucht haben, der sie aber nicht entkommen können.“ Günter Klein