Wenn in den 80er-Jahren jemand die Segnungen des Sozialismus erklären wollte, hatte er dieses wunderbare Beispiel: In Moskau kann man für fünf Kopeken den ganzen Tag durch die Stadt fahren. Mit der Metro. Man kann auch in den Stationen, die wie Kathedralen aussehen, verweilen und die Passanten studieren. Besser als Kino. Erst wenn man nach draußen geht ins Freie, muss man bei Wiedereintritt in die U-Bahn-Unterwelt neu zahlen. Aber halt nur: fünf Kopeken. Die Kopeke – der Pfennig des Sowjetmenschen. Neid des Kapitalisten: Was konnte er für fünf Pfennig bekommen? Nichts. Die fünf Metro-Kopeken waren eine Richtgröße des Moskauer Lebens. Die zweite: Das an allen Ecken und eben auch im Winter verfügbare Speiseeis (Einheitssorte), das „Moroschenoje“, war für zwanzig Kopeken zu haben. Vier Tage U-Bahn – aber immer noch superbillig.
2018 spielt die Kopeke keine Rolle mehr. Die Metro-Fahrt kostet jetzt 55 Rubel. Was für eine Inflationsrate! In ein paar läppischen Jahrzehnten von 5 Pfennig auf 55 Mark. Eine Steigerung um 110.000 Prozent. Jedoch: Die Metro-Fahrt ist immer noch ein Schnäppchen. 55 Rubel sind 76 Euro-Cent. Dafür kann man Moskau abfahren. In Deutschland gibt es dafür nicht mal ein Kurzstreckenticket.
Es ist halt vieles anders geworden in Russland – und alles teurer. Wir brauchen nur an den Essensständen im Stadion vorbeizugehen. Hot Dog plus Getränk unanständige 450 Rubel! Es sind glatte Preise, sie enden auf .00, niemand denkt mehr an die Kopeke. Ein Rubel entspricht etwas mehr als einem Euro.Cent, eine Kopeke wären 0,0001 Euro.
Der Rubel ist zur Scheine-Währung geworden, denn erst über der Münz-Kategorie fangen die Werte an, die man im täglichen Leben benötigt. Scheine statt Münzen: Der Rubel flattert mehr, als dass er rollen würde. Die Kopeke gibt es noch, tatsächlich wird die Münze noch geprägt. Ein 1,5 Gramm leichtes Nichts. Für Nostalgiker. Einen Kaufwert hat sie nicht. Sogar ein Penny-Stock, eine ins Bodenlose gestürzte Aktie, dürfte wertvoller sein.
Mit der Fußball-WM kehrt Moskau aber in eine Zeit sozialistischen Preisgefüges zurück. Für alle, die beim Turnier zu tun haben – und dazu gehören erstmals auch die Fans – ist die Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln umsonst. Man zahlt also nicht mal fünf Kopeken und spart 55 Rubel. Jeder Investmentbanker würde ob dieser Rechnung juchzen. Günter Klein