Schon seit Wochen fiebern sie diesem Tag entgegen: Alvaro, Roberto, Andrés, Tomás und Emiliano. Seit Februar sind die fünf fröhlichen Mexikaner in München. Als Austauschschüler besuchen sie Uni-Vorlesungen, lernen Deutsch und legen online an ihrer Schule in Mexiko Prüfungen ab. Klingt nach echtem Bildungstrip, der sich im Lebenslauf super-gut macht. Doch der alles entscheidende Subtext des halbjährigen München-Besuchs kommt erst in diesen WM-Tagen so richtig ans Tageslicht.
Denn wenn sie ehrlich sein sollen, dann geben die lebenslustigen Lateinamerikaner zu, dass sie sich eigentlich nur wegen DES SPIELS DER SPIELE einfliegen ließen – das dürfen sie aber keinem richtig verraten … zumindest nicht bei sich daheim in Guadalajara. Da dort aber sowieso kaum jemand Deutsch versteht, bleibt das Geheimnis diesseits des Atlantiks. Psssst!
Dafür können die 17-Jährigen mittlerweile von Tag zu Tag immer besser die Sprache ihrer neuen Wahlheimat. Bei den ersten Gehversuchen bedienten sie sich noch unbeholfener Kunstwörter wie „Dankeschorle“ statt „Dankeschön“. Jetzt müssen sie sich aber unter Hochdruck auf den Spezialwortschatz für DEN Tag konzentrieren, um blitzschnell zu erfassen, wie das Match im Fernsehen kommentiert wird. Flanke, Stürmer oder Tor (Grundwortschatz), Abseits und Foulelfmeter sowie Umschaltspiel (Erweiterungsvokabular) sollten sie nun schleunigst in ihr Alltagsrepertoire aufnehmen. Das Champions-League-Finale war dafür ein sprachliches Testspielchen: Denn im Gegensatz zum ersten deutschen Trainingsmatch gegen Österreich, wo sich kein Spieler so richtig aufgedrängt hatte, war für sie der „Fallrückzieher“ (Gareth Bales Traumtor zum 2:1) die große Entdeckung.
Alles ist bei den Mexikanern darauf fokussiert, die magischen Wörter an diesem Sonntag beim Spiel gegen Deutschland hervorzaubern zu können. Im weiteren Verlauf der WM bieten sich dann noch einige Fortgeschrittenenübungen etwa im Rahmen eines „Gewinnspiels“ mit neuen Wörtern wie Tippabgabe oder Punktegleichstand an.
Damit sich die Sprachanstrengungen wirklich lohnen, haben die Fußballverrückten bei der WM gleich ein zweites Spiel ihrer Equipe gegen Deutschland angesetzt – und zwar am Finaltag. Das Ergebnis ist schon klar. Eine finale Vokabel stünde dann noch auf dem Stundenplan: Das Zauberwort champeon übersetzt man zweifelsfrei mit: Weltmeister. Bernd kreuels