Saransk – Paolo Guerrero ließ den Ball tanzen, einmal, zweimal, dann netzte er gefühlvoll ein. Der Kapitän und Rekordtorschütze Perus wirkte im letzten Training vor dem WM-Auftakt gegen Dänemark, als wäre er nie weg gewesen. Der „Koka-Komplott“, die monatelange Sperre, die vielen Prozesse, all das war vor der Begegnung am heutigen Samstag in Saransk vergessen. „Ich bin einfach nur froh, bei der WM dabei zu sein“, sagte Guerrero über seinen komplizierten Weg nach Russland.
34 Jahre alt ist Guerrero, 34 Tore hat er für sein Land geschossen, doch die Krönung wäre dem Ex-Profi des FC Bayern und des Hamburger SV beinahe verwehrt geblieben. Weil in seiner Dopingprobe vom 5. Oktober 2017 ein Abbauprodukt von Kokain gefunden wurde, erhielt er zunächst eine mehrmonatige Sperre. Perus erste WM seit 1982 – ohne Guerrero? Der Aufschrei im Land war groß.
Zumal Guerrero eine besondere Geschichte mit jener Mannschaft verbindet, die Peru vor 36 Jahren als bislang letzte bei einer WM vertrat. Eine, über die er nicht gerne redet. Ersatztorhüter war damals Guerreros Onkel, Jose Gonzalez. Fünf Jahre nach der Endrunde starb Gonzalez wie die gesamte Mannschaft von Alianza Lima bei einem Flugzeugabsturz. „Ich war damals drei Jahre alt. Ich weiß noch genau, wie meine Mutter weinte, als sie die Nachricht im Radio hörte“, berichtete Guerrero einmal.
In Russland soll sich nun der Kreis schließen, die Empörung nach der Sperre war daher groß. Sogar Perus Präsident Martin Vizcarra monierte die „zu harte“ Strafe, im ganzen Land hängten Fans Plakate mit der Aufschrift „Perdon Paolo“ („Begnadigt Paolo“) aus den Fenstern. Sogar die Kapitäne der drei Gruppengegner schrieben einen offenen Brief, in dem sie sich für Guerrero einsetzten, der „14 Jahre lang mit Stolz“ um die WM-Teilnahme gekämpft habe.
Diese Unterstützung zeige „die Solidarität im Fußball“, sagte Nationaltrainer Ricardo Gareca und bedankte sich noch einmal im Namen des gesamten Teams. Denn tatsächlich: Am 31. Mai, vier Tage vor Bekanntgabe des WM-Kaders, wurde die Sperre vom Schweizer Bundesgericht ausgesetzt, u.a. mit dem Hinweis auf das fortgeschrittene Alter des Stürmers. Während Perus Fußball-Fans feierten, protestierten Anti-Doping-Organisationen.
Guerrero, der die verbotene Substanz über einen Coca-Tee aufgenommen haben will, war es egal. Bei seinem Comeback am 3. Juni traf er gegen Saudi-Arabien (3:0) doppelt. Kein Wunder also, dass in Russland die Hoffnungen einer ganzen Fußball-Nation auf ihm ruhen. Ein Volksheld ist er schon lange, 2016 lockte der Film „Guerrero“ alleine in der ersten Woche eine halbe Million Menschen in die Kinos.
Und Guerrero? Der Torjäger will bei der WM das Vertrauen zurückgeben. „Die Zuneigung der Peruaner ist großartig. Kinder schreiben mir, beten für mich – mir fehlen die Worte“, sagte Guerrero und versprach: „Ich werde alles tun, was ich kann, um Peru Freude zu bringen.“ sid