Watutinki – Es scheint ein in der deutschen Nationalmannschaft verbreitetes humoristisches Mittel zu sein, über einen Mitspieler eine Neuigkeit in die Welt zu setzen, die auf eine Eigenart schließen lässt – aber halt nicht stimmt.
Voriges Jahr beim Confederations Cup erzählte Julian Brandt, dass Antonio Rüdiger sich in Sotschi vorgenommen habe, Riesenrad zu fahren. „Es ist sein größter Wunsch.“ Neben dem Stadion war ein Vergnügungspark mit besagter Attraktion. Anderntags Nachfrage bei Rüdiger. Finstere Miene: „Das würde ich eine Lüge nennen.“
Am Donnerstag waren ein paar der von einem Sponsor rekrutierten Escort-Kinder im DFB-2018-Quartier in Watutinki, und eines wollte von Toni Kroos wissen, ob die Spieler noch nervöser wären beim Einlauf ins Stadion als die sie begleitenden Kinder. Kroos sagte, sie bräuchten nicht aufgeregt zu sein, sie sollten nur darauf achten, sich einen Spieler zu schnappen, der ein paar Sätze mit ihnen austauscht. Meiden sollten sie Joshua Kimmich: „Denn der ist da längst im Tunnel.“
Am Freitag sah Joshua Kimmich sich genötigt, ein Dementi anzubringen. Er sei außerordentlich kommunikativ, „ich versuche, lieb zu sein zu den Kindern, Ihnen Fragen zu stellen, Das nimmt mir von meiner eigenen Nervosität.“ Also: Ergreift ruhig seine Hand, er tut euch nichts.
Man kann sich vorstellen, dass Kimmich ein bevorzugter Spieler ist unter den Kindern. Einer der Jüngsten im Team. 23 und selbst noch nicht so lange aus dem Alter, in dem man die Stars bewunderte. Als Deutschland 2014 Weltmeister wurde, stand er gerade vor der ersten Zweitliga-Saison mit RB Leipzig, man hatte Trainingslager und versammelte sich im Besprechungsraum, um das große Finale in Rio zu verfolgen. Vier Jahre später steht Kimmich mit neun Champions von 2014 im WM-Kader, an einigen ist er in der Hierarchie vorbeigeprescht. Von den letzten 29 Länderspielen hat er 28 bestritten und sagt: „Das 29. hätte ich auch gerne mitgenommen, aber es ist kein Wunschkonzert.“ Die Statistik besagt, dass die rechte Seite, auf der er – offiziell als Verteidiger – zugange ist, die klar effektivere ist. Ein Fakt, der sein Standing im ansonsten reifen Team verbessert hat: „Wenn ich was zu sagen habe, traue ich mich auch, das anzusprechen.“
Toni Kroos erzählt über „den Josh“ nicht nur irgendwelche Schrecken-der-Escort-Kids-Geschichten, sondern hat auch eine hohe Meinung von ihm. Nämlich; Da habe einer das Potenzial zur Weltklasse. Kimmich, bei seinem ersten Turnier, der EM 2016 ins All-Star-Team gewählt als rechter Verteidiger, freut sich, sagt jedoch auch: „Schönes Lob von Toni. Aber das verändert den eigenen Anspruch.“
Der Anspruch, der von außen an Joshua Kimmich formuliert wird, ist der, er solle der Nachfolger von Philipp Lahm sein. Mittlerweile hat Kimmich bereits Routine darin, das in die Bahnen zu lenken, die er für die richtigen hält. „Philipp hat die Position, die ich spiele, über zehn, fünfzehn Jahre geprägt. Und als er aufgehört hat, war er Kapitän in beiden Mannschaften.“ Er würde es als vermessen empfinden, sich als den Eins-zu-eins-Ersatz darzustellen. Nicht jetzt schon, er verweist auf sein Alter; 23.
Und grundsätzlich: „Ich will nicht Philipp Lahm II sein, sondern der Joshua Kimmich.“ Der sehr gute Spieler, der der Freund aller Begleitkinder ist.