München – Diego Contento kickte mit vier Jahren schon für den FC Bayern, durchlief alle Juniorenteams des Rekordmeisters und stand drei Mal mit ihm im Finale der Champions League. Vor vier Jahren wechselte der Linksverteidiger zu Girondins Bordeaux. Nun kehrt der 28-Jährige in die Bundesliga zurück. Er unterschrieb bei Aufsteiger Düsseldorf bis 2020. Wir trafen ihn im Münchner „Fugazi“, um über seine Rückkehr zu reden – und die WM, wo sich Frankreich am heutigen Samstag ins Turnier startet.
-Herr Contento, wie ist es, wieder zurück zu sein?
Es ist ein schönes Gefühl. Die vier Jahre in Frankreich waren eine tolle Erfahrung. Bordeaux ist schön, ähnlich lebenswert wie München. Aber es war immer mein Ziel, wieder in die Bundesliga zurückzukommen. Jetzt bin ich wieder zuhause.
-Warum Düsseldorf?
Ich habe mir den Verein und die Mannschaft sehr genau angeschaut. Sie haben eine tolle Moral, ich passe da mit meiner Mentalität, immer Gas zu geben, genau rein. Es ist ein junges Team, dem ich mit meiner Erfahrung helfen möchte, die Klasse zu halten.
-Wenn Sie den Diego Contento, der vor vier Jahren den FC Bayern verlassen hat, mit dem heutigen vergleichen – was sind die Unterschiede?
Ich bin vier Jahre älter geworden (lacht). Aber das bedeutet auch, dass ich gereift bin. Ich habe im Ausland viel dazugelernt. Es war zeitweise keine einfache Zeit in Bordeaux, ich hatte vier Trainer in vier Jahren. Aber wir waren sportlich erfolgreich und haben uns drei Mal für die Europa League qualifiziert. Ich habe eine ganz neue Kultur kennengelernt, auch eine andere Fußball-Kultur, da sind zwischen Deutschland und Frankreich große Unterschiede. Das Spiel ist körperbetonter und laufintensiver.
-Wenn man die feinen Fußballer wie Antoine Griezmann oder Kylian Mbappé so sieht, möchte man das gar nicht meinen.
Es ist aber so. Als ich aus München weggegangen bin, hatte ich noch nicht diesen Oberkörper (lacht). In Bordeaux waren wir vier Mal die Woche im Kraftraum, ich habe viele Muskeln draufpacken müssen. In Frankreich wird sehr robust gespielt. Um dagegenhalten zu können, brauchst du Kraft. Der französische Fußball ist viel physischer als der deutsche.
-Was trauen Sie Frankreich bei der WM zu?
Das ist eine junge Mannschaft mit vielen super Talenten. Sie können weit kommen, vielleicht ist sogar der Titel drin. Mbappé hat gegen uns sein Debüt in der Ersten Liga gegeben, 2016 war das. Ich hatte vorher von ihm noch nichts gehört, er kam ganz frisch zu den Profis. Dann war er mein Gegenspieler. Aber es waren nur die letzten zehn Minuten, da konnte er nicht so zeigen, was er alles drauf hat. Als wir gegen Paris gespielt haben, habe ich gefehlt.
-Dennoch werden Sie ihn intensiv verfolgt haben. Hat er das Zeug, einer wie Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi zu werden?
Er kann das schaffen. Mbappé ist richtig, richtig schnell, auch mit Ball. Du weißt nie, was er als nächstes macht. Aber Messi oder Ronaldo sind natürlich noch einmal eine andere Liga . . .
-Der 22-jährige Thomas Lemar vom AS Monaco soll Atletico Madrid 75 Millionen Euro wert sein.
Ein sehr guter Mann. Mehr ein 10er, obwohl er auch über Außen kommen kann. Technisch stark, klein und ballsicher. Auf den müssen die Gegner bei der WM achten.
-Wie waren die Duelle mit Corentin Tolisso, als er noch für Lyon spielte? Wird er seinen Weg beim FC Bayern machen?
In den Duellen gegen uns war er stark. Er ist noch jung, und wie ich gesagt habe, ist die Umstellung vom französischen auf den deutschen Fußball schon eine Herausforderung. Aber er wird dem FC Bayern noch helfen. Er hat Klasse und hat in seinen Spielen für die Bayern meist gute Leistungen gezeigt.
-Wie schwer fällt es Ihnen persönlich, die WM zu verfolgen – wegen Ihrer italienischen Wurzeln ist der Schmerz sicher groß?
Es tut schon weh, aber ich schaue die Spiele dennoch an. Auch wenn uns Italienern natürlich etwas fehlt. Meine Familie ist fußballverrückt, da wird der Fernseher zur WM trotzdem permanent laufen. Ich drücke jetzt natürlich Deutschland die Daumen.
-Nicht Argentinien? Sie heißen ja Diego Armando wegen Maradona, weil Ihre Familie in Neapel ihn so verehrt hat.
Nein, wir wären nie für Argentinien – da müsste schon Neapel bei einer WM spielen, aber das geht ja nicht (lacht).
-Wenn Sie auf Ihre Zeit bei Bayern zurückschauen, wie war das damals – mit vier schon dort gestartet, das ist rekordverdächtig.
Damals gab es noch gar keine G-Jugend, ich war einfach mit meinen zwei älteren Brüdern mitgegangen, und als ich da auf einer Wiese nebenan gekickt hatte, sagte der Trainer: „Komm rüber!“ Ich habe dann drei Jahre mit Älteren gespielt, weil es in meiner Altersklasse niemand gab. Mats Hummels war damals dabei. Jetzt ist er einer der wichtigsten Spieler von Deutschland.
-Hummels sagte dieser Tage, die Talente heute seien ganz anders als zu früheren Zeiten. Er habe mit 25 Jahren noch das Tor im Training getragen, heute sei das keine Selbstverständlichkeit mehr.
Die Erfahrung habe ich auch gemacht, und ich finde das schwierig. Solche Abläufe wie ein Tor zu tragen gehören dazu, dass du deinen Platz in einem Team findest. Dass du merkst, du musst erst arbeiten, ehe du oben bist. Die Talente heute haben oft nicht mehr diesen Biss, habe ich das Gefühl. Sie werden manchmal zu sehr verwöhnt. Und sie sind zu abgelenkt, nicht fokussiert auf diese eine große Chance. Viele schöpfen ihr Talent nicht voll aus.
-In Ihrer Zeit sorgte Hermann Gerland dafür, dass die Talente bei Bayern alles gegeben haben.
Er war der wichtigste Trainer in meiner Karriere.
-Hat er zu Ihnen auch mal Osterhause gesagt?
Das sagt er zu jedem (lacht). Und das meinte er ja nie böse. Das ist alles Motivation gewesen. Es war klar, dass er an der Seitenlinie herumspringt und dich auch mal anschreit. Wir konnten das einschätzen. Manchmal braucht man als Junger auch einen Tritt in den Hintern. Du darfst dann nicht beleidigt sein. Ich werde ihm immer dankbar sein.
-Wie sehen Sie Joshua Kimmich, der wie Sie Außenverteidiger ist?
Wie er diese Rolle ausfüllt, obwohl er eigentlich gelernter „6er“ ist, das ist weltklasse. Es gibt nur wenige, die viele Positionen auf so einem Niveau spielen können wie er. Marcelo bei Brasilien ist seit Jahren das Nonplusultra auf der Außenbahn, dann finde ich noch den Spanier Jordi Alba stark. Aber Kimmich macht das wirklich hervorragend auf der rechten Abwehrseite.
-Schafft Deutschland die Titelverteidigung?
Sie haben sehr gute Chancen. Das Team ist stark, auch mental. Sie halten diesem Druck stand. Die anderen müssen Deutschland erst schlagen, wenn sie den Titel wollen.
Interview: Andreas Werner