Moskau – Stanislav Tschertschessow, Nationaltrainer Russlands, hatte schon auf dem Pressekonferenz-Podium Platz genommen – doch es konnte noch nicht losgehen. Er verspürte einen Vibrationsalarm im Sakko, zog das Handy hervor, erhob sich und verließ den Saal für einige Momente.
Keine Unhöflichkeit, sondern Notwendigkeit. Darf man fragen, wer angerufen hat? „Der Präsident“, sagte Tschertschessow. Sein Präsident: Putin. Ein Gratulationsanruf – und den möge er weiterleiten an die Mannschaft. Mit einem 5:0 die WM eröffnet – Putin, während des Spiels von den Kameras öfter im vertraulichen Plausch mit FIFA-Boss Gianni Infantino und dem saudischen König eingefangen, war zufrieden.
Die FIFA musste in ihrer Statistik graben: War ein Eröffnungsspiel der WM jemals deutlicher ausgegangen? Ja, aber nur einmal, in einer anderen Ära. 1934 hatte Italien die USA 7:1 geschlagen. An zweiter Stelle in der ewigen Überlegenheitstabelle im ersten Match eines Gastgebers steht nun das 5:0 der Russen gegen Saudi-Arabien. Zehn Mal übrigens ist es dem Ausrichterland zugekommen, das erste Match des Turniers zu bestreiten. Es ist nie schlecht ausgegangen, sieben Siege und drei Remis sind die Bilanz.
Für Russland hatte man die einzige Chance auf ein Turnier über die Vorrunde hinaus auch darin gesehen, dass sich durch den Spielplan eine Dynamik ergibt. Irgendwie drei Punkte zum Auftakt, eine Befreiung, dann würde was entstehen. „Unser Spielplan“, sagte Trainer Stanislav Tschertschessow, „ist ein Cre-scendo. Die Gegner werden stärker. Ägypten, Uruguay.“
Juan Antonio Pizzi, der renommierte Coach der Saudis, sagte, er habe von Russland „nichts Überraschendes gesehen“. Die Diagonalpässe, das Spekulieren auf Balleroberungen – alles sei absehbar gewesen. Nicht aber der Ertrag daraus: fünf Treffer. Schöne Treffer sogar: drei kunstvolle Schüsse (einer ein Freistoß), zwei klassische Kopfbälle.
Haben die Russen in den Jahren vor der WM mit missratenen Testspielen und einer blassen Vorstellung beim Confederations Cup geblufft? „Wir können doch nicht Millionen Menschen an der Nase herumführen“, sagt Tschertschessow.
Der ehemalige Torwart dürfte den Glauben des Volks an sich gestärkt haben. Er ist ein Trainer, der die offensichtlich richtigen Entscheidungen trifft. Zwei der eingewechselten Spieler sorgten für drei Tore, Denis Tscheryshew, einst im Besitz von Real Madrid und nun beim FC Villarreal, war der Mann des Spiels. Nein, versicherte er, er sei nicht beleidigt gewesen über seine Rolle als Zunächst-Reservist. „Ich habe mich gefreut, dass ich überhaupt zu diesem 23er-Kader gehören durfte.“ Tschertschessow reichte die Geschichte nach, die Tscheryshew nicht erzählt hatte, „weil er zu schüchtern ist: Ich habe ihn am Tag vor dem Spiel zu einem Gespräch gebeten, wir haben Tore skizziert, die er schießen könnte, wenn er reinkommt.“ Tscheryshew habe nun „starke psychologische und körperliche Form“.
5:0, ein Eishockeyergebnis, die Nation auf einer Wolke, die Skepsis der Russen, das eigene Team betreffend, ist verflogen. Tschertschessow muss nun den möglichen Übermut von seinen Spielern fernhalten. Er verortet darin aber kein Problem: „Wenn ich sehe, dass jemand eine Krone auf dem Kopf trägt – wir haben große Stadien, auf deren Tribünen es viele Platz gibt für Leute mit Krone.“