Sotschi – Neymar hat es also geschafft. Er schießt schon wieder herrliche Tore, wie vor seiner langen Verletzungspause. Er hat auch schon wieder die Ausdauer für fast 90 Minuten Fußball. Und ganz wichtig für die Brasilianer: Neymar lacht wieder. Der Superstar der Seleção ist nach vielen Fragezeichen und Selbstzweifeln bereit für den WM-Start gegen die Schweiz am Sonntag (20.00 Uhr/ZDF). Das sorgt bei einem Großteil der über 200 Millionen Brasilianer in der Heimat für Erleichterung. Nach der 1:7-Schmach bei der Heim-WM 2014 zählt beim Turnier in Russland nur der Titel.
„Ich will den Pokal“, sagt Neymar und spricht damit den Wunsch einer ganzen Nation aus. Der Optimismus der Brasilianer ist groß. Nach der überraschenden Beurlaubung des spanischen Trainers Julen Lopetegui kurz vor dem Turnierstart ist die Seleção unter vielen Favoriten auf den Titel vielleicht der am meisten favorisierte.
Das liegt auch an Neymar, der nach drei Monaten Fußverletzung wieder nah an seiner Topform ist. Bei den beiden Testspielsiegen vor der WM gegen Kroatien (2:0) und in Österreich (3:0) glänzte der 26-Jährige mit herrlichen Treffern. Auch gegen die Schweiz soll er wieder in der Startelf stehen.
„Wir können nur hoffen, dass er einen schlechten Tag erwischt. Im Eins-zu-Eins-Duell ist Neymar nicht zu stoppen“, sagte der Schweizer Routinier Valon Behrami. Dabei hätte Neymar laut seinem ursprünglichen Genesungsplan eigentlich noch gar nicht für den WM-Auftakt der Brasilianer fit sein sollen. Bis zum Achtelfinale solle er wieder bei 100 Prozent sein, hieß es aus dem Umfeld des Rekord-Weltmeisters noch vor wenigen Wochen.
Neymar selbst hatte nach einiger Zeit im Rollstuhl zwischenzeitlich „wirklich Angst, dass ich nicht pünktlich fit werde“, wie er sagte. Dann aber umdribbelte er seine kroatischen und österreichischen Gegenspieler.
„Ein unglaublich guter Spieler“, findet auch der Schweizer Torhüter Yann Sommer, der Brasilien aber nicht bloß auf Neymar reduzieren will. „Sie haben sich gut entwickelt und ein Gleichgewicht zwischen Spektakel und harter Arbeit – eigentlich das Nonplusultra im Weltfussball.“
Tatsächlich ist es die bisher wohl größte Leistung des brasilianischen Trainers Tite, dass er die Abhängigkeit seiner Mannschaft von Neymar verringert hat. Auch ohne ihren Superstar hatte die Seleção beispielsweise Ende März ihr Testspiel in Deutschland mit 1:0 gewonnen. Eine Wiedergutmachung für das 1:7 war das nur minimal. Die würde nur der WM-Titel bringen. Und da könnte Neymar das Plus der Brasilianer sein.
In einem am Donnerstag auf dem bei Fans beliebten alternativen Youtube-Kanal Desimpedidos verbreiteten Beitrag verspricht der Offensivstar: „Diese Selecao ist besser vorbereitet als die vor vier Jahren.“ Die Wahl zum Weltfußballer des Jahres, der Traum eines jeden Top-Profis, steht und fällt für ihn in diesem Jahr mit dem Titelgewinn, weshalb er bekennt: „Die WM zählt in dieser Saison mehr als die Champions League.“
Noch sieht er sich gegenüber den ewigen Rivalen im Nachteil, auch weil er die entscheidende Saisonphase verpasst hat: „Die beiden, die heute über allen anderen stehen, sind Cristiano Ronaldo und (Lionel) Messi. Bei aller Bescheidenheit, ich bin heute der beste Spieler der Welt. Denn die beiden sind von einem anderen Planeten.“
Für den Auftakt gegen die Schweiz verspricht er dennoch gleich ein Tor. Und über seinen operierten Mittelfußknochen lässt er keinen Zweifel aufkommen. „Bei der WM gibt es nicht, dass ich zurückziehe. Jetzt gibt es kein Rumheulen“, so Neymar beim gut 15-minütigen Gespräch mit dem mit einer weißen Maske vermummten Interviewpartner „Bolivar“, dessen Youtube-Kanal in fünf Jahren Existenz bereits über eine Milliarde Zugriffe hatte.