Smartphone-Pflicht beim DFB

von Redaktion

Immer mehr Daten fließen in die Vor- und Nachbereitung der deutschen Spiele ein

Watutinki – 2014 in Brasilien in ihrem Campo Bahia haben die Spieler sich häufig mit ihren Smartphones abgegeben. Schlechtes Sozialverhalten? Keineswegs, Es war ausdrücklich erwünscht. Wer nicht mit seinem digitalen Endgerät am Pool lag, erweckte den Eindruck, sich nicht seriös mit seinem Sport zu beschäftigen. Vor vier Jahren setzte man beim DFB erstmals die eigens entwickelten Plattformen ein, mit denen jeder Akteur sich individuell auf den kommenden Gegner vorbereiten oder das vergangene Spiel aufarbeiten sollte. „Match Insights“ hieß eines der Programme, erstellt worden war es bei SAP im Silicon Valley, wohin Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und Chefanalyst Christopher Clemens schon hingepilgert sind. Eine Art Wallfahrt, die die Erleuchtung bringen soll über die Wissenschaft des Fußballs.

Man kann ihn noch immer nicht ganz ergründen, räumt Clemens ein. Man wisse aber zumindest, dass es „nichtkontextuelle Daten“ gebe, die oft angeführt werden, aber nichts besagen. Die Gesamtlaufleistung eines Spielers etwa, die Passquote – nach neuem Kenntnisstand unwichtig. Es gibt jetzt das Packing (überspielte gegnerische Akteure), die Expected Goals (Berechnung der Wahrscheinlichkeit, aus welcher Abschlussposition ein Tor fällt) – Fortschritte. Aber: „Wenn Sie was wissen, womit wir den Heiligen Gral finden – rufen Sie mich an“, sagt Christopher Clemens.

Doch er versichert, dass man voranschreite in der Analyse des Spiels und hilfreiche Erkenntnisse gewinne. „Unsere Aufgabe ist es, schneller und genauer zu sein.“ Schon Stunden nach dem Spiel werden die „gewonnenen Infos an unsere wichtigsten Protagonisten, die Spieler, weitergegeben“. Oliver Bierhoff sagt: „Aus Big Data müssen Smart Data werden.“

Konkret: Die Nationalspieler können auf einer nur ihnen zugänglichen Plattform ihre Szenen abrufen, sich einzelne Gegenspieler anschauen, die Informationen mit einem Filter zusammenstellen. „Wir holen die Spieler ab“, sagt Clemens, „und schon bald beginnen sie mit der Selbstreflexion.“ Joshua Kimmich erklärt, dass er diese Möglichkeit eifrig nutze: „Oft erkennt man aus der Perspektive, die man auf dem Spielfeld hat, nicht das, was die Zuschauer erkennen.“

Bierhoff spricht davon, „dass wir einen Technologie-Vorsprung haben wollen“. Derzeit ist man anderen Nationen in der Datenerfassung und -verwertung voraus, weiß Christopher Clemens, „weil wir auch die besten Rahmenbedingungen haben“. England mache auch viel. „Aber man muss nicht deswegen gewinnen, weil man ein Tool mehr zur Verfügung hat.“

Was nicht vorkommen wird: Dass Jogi Löw nach Datenlage aufstellen wird. Oliver Bierhoff sagt: „Es wird immer Bauchentscheidungen geben.“  gük

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