Afrikas europäische Hoffnung

von Redaktion

Eine physisch und taktisch fitte Mannschaft aus dem Senegal zwingt Polen zu entscheidenden Fehlern

Von Günter Klein

Moskau – Seit Jahrzehnten spekuliert die Fußballwelt, wann es mal einen afrikanischen Weltmeister geben würde. Der Glauben, dass es dazu je kommen wird, ist verloren gegangen nach dem jeweiligen Scheitern von vielversprechenden Teams aus Kamerun, Ghana, der Elfenbeinküste, Nigeria. Es gilt als Erfolg für Schwarzafrika, wenn ein Team über die Vorrunde hinauskommt. Beste Chancen darauf hat 2018 der Senegal, der mit einem verdienten 2:1-Sieg über Polen ins Turnier einstieg. Eine Empfehlung: Die Senegalesen boten keinen Spieler auf, der nicht schnell wäre – und sie agierten mit europäischer Organisation.

Trainer Aliou Cissé erlebt vielleicht wieder etwas Großartiges. Er war der Kapitän, als das Team 2002 Frankreich, den Weltmeister, im Eröffnungsspiel besiegte. „Das war vor dem Hintergrund der Kolonialisierung etwas Besonderes. Wir waren als Fußballer ja alle von den Franzosen ausgebildet.“ Der Sieg nun gegen Polen „hat nicht den gleichen Geschmack – aber er ist wichtig. Ganz Afrika steht hinter uns.“

Polen – Senegal war ein schöner Interkontinental-Vergleich. Auch kulturell. Polen hatte gut eine Zehntausenderschaft Anhang mitgebracht, den Afrikanern folgten nur 300 Fans, die kleinste registrierte Community bei der WM. 300 Senegalesen, das hieß auch: 300 farbenfroh gewandete Menschen, die sogar die Halbzeitpause hindurch trommelten, tanzten, sich des Lebens freuten. Die freundliche Atmosphäre erfasste auch die Polen, die – erlebt man im Stadion auch nicht alle Tage – die Hymne des Senegals mit Applaus begleiteten – denn die 300 Fans konnten sich stimmlich nur schwer bemerkbar machen.

Polen ist in den vergangenen Jahren so stark geworden, dass es eigentlich den belgischen Status des Geheimfavoriten beanspruchen könnte, es ist auch mit Bundesligakräften bestückt: mit Superstar Lewandowski, dem Dortmunder Piszczek und dem Wolfsburger Blaszczykowski. Doch die Aufstellung der Senegalesen war ebenfalls eine Ansage. Angeführt von Sadio Mane vom FC Liverpool, mit Mame Diouf von Stoke City und Salif Sane, dem Abwehrkanten, der Hannover in der Bundesliga hielt. Und man hat gleich erkennen können, dass da noch ein paar andere sind, die einen feinen Ball spielen – wie Stürmer Mbame Niang aus Turin oder Youssouf Sabaly aus Bordeaux, ein kleiner Balleroberer, der das Spiel schnell machen kann.

Senegal spielte geschickt. Schnelle Antritte, Steilpässe, präzise in die Schnittstellen der polnischen Abwehr. Die Afrikaner agierten strukturierter – und mit Polens Hilfe effizient. Cionek fälschte einen Konterabschluss von Gueye so unglücklich ab, dass das 1:0 für den Senegal als polnisches Eigentor gewertet wurde.

Das 2:0 (60.) war auch nicht weit davon entfernt. Da sprintete der kurz zuvor noch im Seitenaus behandelte Niang in einen Blackout-Rückpass von Krychowiak und umspielte Torwart Szczesny.

Die Polen bekamen kaum Zugriff. Auch Lewandowski konnte nichts zeigen – bis auf einen Freistoß. doch Senegals Torhüter Khadim Ndaye flog dem Ball entgegen. Nur an einen kam er nicht ran, Krychowiak verkürzte (86.). Senegals Team blieb souverän und hielt die drei Punkte fest.

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