Watutinki – Um 12.30 Uhr Ortszeit sollte gestern die Pressekonferenz mit Manuel Neuer beginnen. Die Fernsehanstalten, bereit, die erste Meinungsäußerung von deutscher Seite seit dem 0:1-Auftakt gegen Mexiko zu übertragen, warteten, und auch der Abflugtermin nach Sotschi saß der DFB-Delegation im Nacken. Doch Neuer kam 50 Minuten später. Und er wirkte sehr ernst: „Wir hatten eine Sitzung. Sie hat länger gedauert.“
Die Sache positiv formuliert: „So eine starke Kommunikation wie nach dem Spiel gegen Mexiko war noch nie in der Mannschaft.“ Die Gespräche hätten sich um dieses Spiel gedreht. „Im Bus schon, am Tisch bei fast jedem Essen.“ Und nun auch noch in einer offiziellen Runde. Die Nationalmannschaft ist gar nicht mal – was der übliche Reflex wäre – sauer auf das, was in den Zeitungen steht. Manuel Neuer sagt: „Wir sind unsere schärfsten Kritiker.“
Gut, woran fehlt es also in dieser DFB-Auswahl, der ersten seit 1982, die einen Fehlstart in eine Weltmeisterschaft hingelegt hat? Wenn ein Team sich aussprechen muss, dann ist das eigentlich ein sicheres Zeichen, dass es im zwischenmenschlichen Bereich nicht funktioniert. Gibt es etwa eine Zweiteilung? Da wären zum einen die Weltmeister von 2014. Von ihnen gibt es nicht mehr so viele, sie stellten aber immer noch das Gerüst in der Truppe, die sich von Mexiko hat vorführen lassen. Und auf der anderen Seite: die bis auf Joshua Kimmich, Timo Werner, den eingewechselten Julian Brandt und den wegen Jonas Hectors Grippe in die Start-Aufstellung gerutschten Marvin Plattenhardt unterrepräsentierten Gewinner des Confederations Cups 2017. Diese These weist Kapitän Manuel Neuer von sich: „Nein, wir sind eine Mannschaft, und man tauscht sich auch mit den jungen Spielern aus. Die Confed-Cup-Spieler sind wichtiger Bestandteil unserer Mannschaft.“
Was Neuer als Problem ausgemacht hat: Es hat gegen Mexiko bei den Führungsspielern an der Einstellung gefehlt.
Gewiss, man ist überrascht worden von den Mexikanern. „Auf den Bildern, die wir gesehen haben, haben sie immer hohes Angriffspressing gespielt“, so Neuer. Im Luschniki-Stadion stand einem dann eine reine Kontertruppe gegenüber. Und die DFB-Elf geriet wieder in ihre altbekannte Konteranfälligkeit. Warum tut sie nichts dagegen? Was macht sie im Training (das sie stets verschlossen hält)? Müssten die Strategen wie Kroos, Özil, Khedira und Hummels, der das Spiel so schön aufbauen kann, nicht einschreiten?
„Man kann nicht alles an der Tafel ausmalen“, sagt Neuer über die Vorbereitung. „Es gibt Grundprinzipien im Spiel, aber eben auch Sonderfälle. Wenn man in der Qualifikation seinen Stiefel runtergespielt hat, ist das nicht automatisch bei der WM so.“
Gefragt ist dann, dass jemand eingreift oder dass es eigentlich allen klar ist, was man zu tun hat. Dass sich Einigkeit entwickelt und sich nicht ein Zustand ergibt, den Julian Brandt trefflich beschrieben hatte: „Ein Teil der Mannschaft will pressen, der andere sich fallen lassen.“ Das darf nicht sein. Es sei eine „Frage der Kommunikation und Organisation“.
Und für die ist wiederum entscheidend: Dass man „hundert Prozent Bereitschaft“ hat. Und: „Es darf auf dem Platz keine zwei Meinungen geben, keine zwei Philosophien.“
Jerome Boateng vertritt die Meinung, es müsse im Verlauf eines Turniers mal knallen. „Am Montag hat es im Training geknallt“, versichert Neuer. Doch es war nur das Spielersatztraining der am Sonntag nicht eingesetzten Akteure. Der zweite Knall erfolgte am Dienstag. Da war der Inhalt der Übungseinheit zwar nur die Regeneration, aber: „Wir haben uns die Sachen ehrlich ins Gesicht gesagt.“ Man muss gegen Schweden am Samstag und gegen Südkorea anders spielen, man muss das nächste Spiel gewinnen und darf sich nicht in eine Rechen-Abhängigkeit von anderen begeben, wenn am letzten Spieltag zur gleichen Zeit Deutschland – Südkorea und Schweden – Mexiko angepfiffen werden. Der Weltmeister kämpft darum, sein Schicksal in der eigenen Hand zu behalten.
Muss man die Mannschaft umstellen, muss es eine Aufstellungsrevolution geben? Es ist schwer für Neuer, personelle Änderungen einzufordern, zumindest öffentlich darf er das nicht tun, weil er dadurch neue Der-gegen-den-Fronten schaffen würde. Aber er hebt die am Sonntag eingewechselten Spieler hervor: Marco Reus, Mario Gomez, Julian Brandt: Ja, die hätten dem Spiel gutgetan. Die zweite Halbzeit war ja die bessere – aber man habe da auch gemerkt, „dass Mexiko keine Laufkundschaft ist“.
Neuer wurde nach 2014 gefragt, dem Achtelfinale gegen Algerien, dem schlechtesten Spiel der vorigen WM. „Das war ein Wachrüttler, jetzt war es die erste Halbzeit gegen Mexiko.“ Doch er erweckt den Eindruck, man habe das vor vier Jahren als nicht so dramatisch wahrgenommen wie nun das Gruppenspiel gegen Mexiko. Es gab danach auch nicht diese krachende Aussprache wie jetzt.
Dass die Mannschaft die weiteren Diskussionen in anderer Umgebung führen kann (Sotschi), tut ihr gut. Ist aber noch nicht die Lösung. „Den Hebel umlegen“, meint Neuer, das sage sich so leicht, „daran muss man arbeiten auch außerhalb des Platzes“.
Nach wie vor will er den Glauben vermitteln, dass „Qualität und Erfahrung“ vorhanden sind, um alles zu ändern, wie es geändert werden muss. Also liege es mehr an der Bereitschaft, es zu tun – sie wiederzufinden sei wichtiger als Details, wie der Bundestrainer aufstellen werde.
Neuer sagt, dass er überzeugt ist, „dass wir die K.o.-Runde erreichen werden“. Die Ziele des Titelverteidigers sind geschrumpft, ihr Antrieb ist derzeit nicht das Streben nach etwas Großartigem, sondern die Vermeidung einer Katastrophe. Neuer spricht von „Finals, die vor uns liegen“. Es ist der Sound des Abstiegskampfs. Das Hoffen eines angeschlagenen Teams, noch in die Relegation zu kommen.