Die Dänen sind Weltmeister

von Redaktion

Vor sechs Tagen eroberten sie den inoffiziellen Titel – könnten ihn aber morgen verlieren

Saransk/München – Yussuf Poulsen rutschte zur Eckfahne. Auf den Knien, die Arme ausgebreitet, den Mund weit aufgerissen. So wie ein Fußballer das eben macht, der gerade das erste WM-Tor für sein Land erzielt hat. Poulsens geschickter Linksschuss genügte den Dänen vor sechs Tagen, um Peru mit 1:0 zu besiegen. Was der Stürmer wohl nicht ahnte: Er hatte sein Nationalteam nicht nur in eine sportlich gute Ausgangslage befördert, sondern ihm auch ein kleine Bürde auferlegt. Wenn die Dänen morgen gegen Australien antreten, müssen sie plötzlich einen Titel verteidigen. Denn Dänemark ist jetzt: Weltmeister.

Es gibt in der Welt des Fußballs neben der FIFA noch eine zweite Institution, die einen Weltmeister kürt. Sie nennt sich „Unofficial Football World Championship“ (UFWC), mit dem mächtigen Weltverband hat sie nichts zu tun. In ihrem System wechselt der Titel meistens schneller – und nicht selten landet er in Staaten, wohin sich die Trophäe der FIFA wohl nie verirren wird, etwa Angola, Israel oder Nordkorea. Mehr als 50 Nationalmannschaften durften sich in den vergangenen 140 Jahren daher bereits inoffizieller Weltmeister nennen. Und manche Fans, die mit dem pompösen Wettbewerb der FIFA nichts mehr anfangen können, halten diese Teams für die wahren, gerechten Weltmeister.

Um zu verstehen, wie Dänemark den inoffiziellen Titel erobert hat, muss man in das Jahr 1872 zurückblicken. Damals hatten sich England und Schottland zum ersten Länderspiel der Fußballgeschichte verabredet. Dummerweise spielten sie 0:0. Kein Sieger, kein Weltmeister. Ein Jahr später besiegten die Engländer die Schotten dann mit 4:2, der erste Champion war gefunden. Seitdem funktioniert’s wie im Boxen: Der amtierende Weltmeister muss seinen Titel in jedem A-Länderspiel verteidigen. Ein Unentschieden reicht dafür.

Jetzt also zu Dänemark. Vor vier Jahren schafften die deutschen Fußballer ein Kunststück: Sie krönten sich in Brasilien zum FIFA-Weltmeister – und knöpften Argentinien im Finale auch noch ganz heimlich den inoffiziellen Titel ab. Der war aber schnell wieder weg. Im September 2014 mussten die DFB-Elf ihn sofort wieder an Argentinien abgeben (2:4). Mit ein paar Umwegen fiel er in diesem Mai den Peruanern zu. Sie verteidigten ihn einmal, im Testspiel gegen Saudi-Arabien (3:0). Dann kam die WM: Christian Cueva ballerte einen Elfmeter in den Himmel, Yussuf Poulsen zielte alleine vor dem Tor präziser, Peru war entthront.

Es ist nicht leicht, die Spur des inoffiziellen Weltmeisters zu verfolgen. Zu viele Spiele, zu viele Zahlen. In der Vergangenheit herrschte immer wieder Verwirrung, wem der Titel gerade gehört. Manche etwa machten den Fehler, die Ergebnisse der Olympischen Spiele in ihre Rechnungen aufzunehmen. Einmal löschte die FIFA ein Länderspiel aus ihren Listen, weil dem Veranstalter bei der Anmeldung ein bürokratischer Fehler unterlaufen war. Eine Zeit lang gab’s neben dem inoffiziellen Weltmeister einen inoffiziellen inoffiziellen Weltmeister.

Irgendwann trafen die zwei Titelträger aber aufeinander, weshalb man nun sagen kann: Australien kann morgen mit einem Sieg gegen Dänemark Weltmeister werden, also inoffiziell. christopher meltzer

Artikel 1 von 11