Panzerknacker im kanariengelben Trikot

von Redaktion

Leider werde ich nicht umhin kommen, Ahnenforschung zu betreiben. Ich sehe mich schon Kirchenbücher am Bodensee und in Süditalien wälzen, denn in diesen WM-Tagen lernen wir unsere Söhne von einer völlig neuen Seite kennen. In aller Kürze lässt es sich so zusammenfassen, dass beide tief verborgene brasilianische Wurzeln haben müssen, entfernt vielleicht auch von Dagobert Duck abstammen, der Achtjährige auf jeden Fall, beim Sechsjährigen könnten auch von wem auch immer geerbte Panzerknacker-Gene mit reinspielen.

Aber der Reihe nach. Erste Veränderungen bemerkte ich am Ostersonntag, als sich beide auf ein Paniniheft stürzten, das der Osterhase am Vortag noch schnell an der Tanke mitgenommen hatte. Die anfängliche Begeisterung der beiden legte sich erstaunlich schnell – sei es, weil die WM aus Kindersicht noch Lichtjahre entfernt war. Vielleicht auch, weil Italien, beider Mutterland im Wortsinne, nicht im Heft zu finden war. Wenige Wochen später jedoch setzte das WM-Fieber ein, massiv – und fortan gab es nur noch ein Ziel: Die Seiten 44 und 45 im Paniniheft vollzukriegen, die der Brasilianer. Der Freudentanz meines Großen ist mir noch frisch in Erinnerung, als er bei einem langweiligen Regionalligaspiel den ersehnten Neymar aus dem Tütchen gezogen hat.

Soweit, so gut. Ist ja auch ein sympathisches Volk, das aus dem tanz-, musik- und fußballbegeisterten Land des fünfmaligen Weltmeisters stammt. Keine WM hat mehr Spaß gemacht als die in Brasilien. Mit diesem Faible meiner Söhne kann ich sehr gut leben. Was mich ein bisschen mehr ins Grübeln bringt, ist die kapitalistische Ader, die beide gerade offenbaren. Der Große hat das Kunststück fertiggebracht, sein bescheidenes Starterkit an Paninitütchen so zu multiplizieren, dass nur noch 73 Bildchen fehlen, ohne dass meine Frau und ich Privatinsolvenz anmelden mussten (passiert leicht beim stolzen Preis von 18 Cent pro Aufkleber). Er gilt als beinharter Verhandler auf dem Schulhof. Beiläufig äußerte er zuletzt auch seine Pläne für den Fall, dass er eines Tages zig Millionen auf dem Konto hat, verdient natürlich als Fußballprofi. Damit würde er eine Firma kaufen, die so viel Gewinn abwirft, dass er weitere Firmen kaufen kann, die noch mehr Gewinn abwerfen . . . Der Kleine ist – noch – etwas idealistischer unterwegs. Als Millionär, beschied er, würde er der Bank das Haus abkaufen, das seine Eltern mühsam abstottern. Als nächstes, originelle Idee, würde er versuchen, Hasan Ismaik seine Anteile am TSV 1860 abzukaufen.

Abgesehen davon, dass mir schleierhaft ist, woher die beiden ihren Geschäftssinn haben, ergab sich plötzlich ein riesiges Problem in unserer Familie. Massiv beklagt seitens des Großen wurde das Verschwinden gleich dreier gehegter Panini-Tauschobjekte – der doppelte Neymar, der doppelte Messi und der doppelte Ronaldo. Verdächtige? Gibt es. Einer wurde im gemeinsam bewohnten Kinderzimmer verortet. Noch ist die Affäre nicht restlos aufgeklärt, es gilt auch bei diesem verzwickten Fall die Unschuldsvermutung. Allerdings hat sich der Kleine zuletzt in Widersprüche verstrickt. Nur eine nächtliche Flucht kann ihn nach Lage der Dinge vor massiver Vergeltung bewahren. Daher der dringende Aufruf: Sollten Sie einen Sechsjährigen mit kanariengelbem Trikot und Tramper-Daumen am Straßenrand sichten, bitte sofort melden! Der Richtige ist es, wenn auf seinem Pappschild eines der folgenden Ziele gekritzelt wurde: Kalabrien, Lindau am Bodensee – oder Brasilien. uli kellner

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