Zuflucht Sotschi

von Redaktion

DFB entkommt für einige Tage dem Quartier-Flop Watutinki – Bessere Luft am Schwarzen Meer

Von Günter Klein

Watutinki – „Wie gefällt Ihnen das deutsche Mannschaftsquartier?“ wurde Philipp Lahm bei seinem Besuch in der Deutschen Schule Moskau gefragt. Bis dorthin war offensichtlich die Kunde vorgedrungen: So toll soll es nicht sein. Lahm entzog sich einer Wertung: „Ich war nicht dort. Aber was man auf den Bildern sieht: Man hat alles, was man braucht.“ Der DFB sei auch dafür hoch angesehen, dass er die Unterkunftsfrage der Nationalmannschaft stets zu deren Zufriedenheit regle.

Ist das so? Und was sieht man überhaupt auf den Bildern? Es gibt wenig Beiträge dazu, auch auf dem DFB-eigenen Internetfernsehkanal, der als einziger Zugang hat zum Spa-Hotel in Watutinki bei Moskau. Man kann sich an zwei Sequenzen orientieren. Die eine zeigt zu esoterischer Musik die mitgebrachte Einrichtung des selbst aufgestellten Fitnesszelts auf dem Trainingsgelände von ZSKA Moskau (das mit dem Hotel nichts zu tun hat) und den Rasen der Anlage. Im anderen Clip perlen Richard-Clayderman-artig die Klavierläufe – die Ansichten dazu: das Gebäude von außen und oben (viele Lüftungsschächte!), das Schild vom Hotel, das Schwimmbad (wo ein Sieben-Meter-Becken noch in jedem Hotelprospekt zur 25-Meter-Wettkampfbahn wird). Kein Blick in die Zimmer, in die Gemeinschaftsräume. Man hat nur einmal von Oliver Bierhoff gehört: „Es gibt einen Besprechungsraum.“

Die Darstellung in dem DFB-Film erinnerte jedenfalls verdächtig an Anzeigen in Immobilienportalen, wo im Text die Schönheit der angebotenen Altbauwohnung gepriesen wird, neun der zehn Fotos aber das Treppenhaus oder den Park in der Nähe zeigen (und eines ein leeres Zimmer, verfälschend mit Weitwinkel aufgenommen).

Joachim Löw hat vom „Charme einer Sportschule“ gesprochen, er wollte nicht hierher und gab wegen der kurzen Wege zu drei möglichen Partien in Moskau klein bei. Oliver Bierhoff meint: „Oft wird uns vorgeworfen, dass wir zur Vorbereitung nicht in die Sportschulen gehen.“ In den vergangenen zwei Jahren war das Nationalteam nur mal in Kaiserau in der Nähe von Dortmund.

Es geht allerdings nicht um Fünf-Sterne-Luxus, den hatte das legendäre Campo Bahia vor vier Jahren auch nicht. Es geht um die Atmosphäre, die ein Quartier entwickelt. Das Campo hatte den unschlagbaren Vorteil der Lage am Meer und die Besonderheit der kleinen Häuser, in denen sich Wohngemeinschaften bildeten, ohne dass ein Spieler seinen privaten Rückzugsraum aufgeben musste.

Watutinki ist nicht so schlimm, wie es den Anschein hat, wenn man sich über die Autobahn-Magistrale nähert. Auf dem Gelände, das den Medien zu einem Teil zugänglich ist, wird es deutlich ruhiger, man taucht schon ein in eine eigene Welt. Doch außerhalb ist kein Strand, sondern eine Straße, die eineinhalb Kilometer ohne Bebauung übers flache Land fährt. Dann kommt „Nowij Watutinki“, der Neubauteil des Ortes, der ein Dorf ist, aber wie eine Trabantenstadt wirkt, eine Schlafstadt für die, die in Moskau arbeiten. In Deutschland gibt es kein Dorf mit Hochhäusern.

10 000 Einwohner hat dieses Watutinki, von dem auch die Moskowiter wenig gehört haben. In Watutinki wiederum hat sich nicht herumgesprochen, welche Gäste gerade da sind in diesem Hotel außerhalb, wo es auch noch private Villen des Auslandsgeheimdienstes gibt. Und von Verbrüderungen zwischen Hotelpersonal und Spielern, wie an vielen Unterkünften gesehen (legendäre Party in Pretoria 2010 nach Viertelfinalsieg gegen Argentinien) hat man noch nichts gesehen. Die Mannschaft wohnt in Watutinki, sie lebt aber nicht dort.

Gestern hat sie ihr ständiges WM-Quartier verlassen – obwohl sie erst am Samstag in Sotschi spielt. Laut FIFA-Vorgabe hätte der DFB erst am Freitag reisen müssen. Doch er wollte in seiner Langzeitplanung einem Lagerkoller entgegenwirken.

Mit Sotschi verbindet man die angenehme Erinnerung an den Confederations Cup, Das Hotel der Radisson-Gruppe ist groß, der DFB musste es sich mit anderen, mit normalen Gästen teilen. Es gab aber genügend Ecken, um für sich zu sein. Das Hotel hat einen Park mit Zugang zum Strand, die Luft ist auch eine andere als in der Stadt. Campo light.

Schwarzes Meer statt mehrspuriger Ausfallstraße. Vielleicht hilft der Tapetenwechsel. Sotschi wird zur Zuflucht.

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