40 Jahre Wunder, 40 Jahre Schmach

von Redaktion

Das legendäre WM-Spiel von Cordoba: Als Österreich narrisch wurde und Deutschland zum Gespött

Von Günter Klein

Moskau – Neulich vor der WM in Klagenfurt: Österreich stand vor seinem Spiel des Jahres. Ein, so war es plakatiert, „freundschaftliches Länderspiel“ gegen Deutschland. Zielsetzung, das schrieben die Zeitungen und das brüllte der Stadionsprecher in der Arena am Wörtherseee in die gewittrige Nacht hinein: „Der erste Sieg seit 32 Jahren.“

32? Stimmt schon. Im Oktober 1986 hatte Österreich in Wien 4:1 gewonnen gegen die von Franz Beckenbauer gecoachten Deutschen. Deren Star Lothar Matthäus wurde vom Platz gestellt, für Österreich schoss Toni Polster zwei Tore. Ein Match, das nur Statistik-Nerds in Erinnerung behalten haben. Zwischen Österreich und Deutschland geht es aus österreichischer Sicht immer nur darum, ob es eine Neuauflage von Cordoba geben wird. Dem WM-Finalrundenspiel von 1978 in Argentinien. Vor 40 Jahren.

Es war ein nicht mehr so wichtiges Spiel bei dem damaligen Modus, die acht besten Teams der vier Vorrunden in zwei Finalgruppen aufzuteilen: Die DFB-Elf hätte sich nach Unentschieden gegen Italien (0:0) und die Niederlande (2:2) mit einem Sieg noch für das Spiel um Platz drei qualifiziert, worauf sie keine große Lust mehr hatte. Das Finale war nur noch eine unwahrscheinliche Option, die man selbst nicht komplett beeinflussen konnte. Es stand also schon fest, dass Deutschland den Titel von 1974 nicht würde verteidigen können. Für Österreich war klar: Es ist das letzte Spiel der WM, bei der das Team weit gekommen war. Ein Achtungserfolg. Man könnte ihn noch emotional veredeln.

Vogts’ Eigentor ermutigte Österreich

Das Spiel lief nach europäischer Zeit an einem Werktagsnachmittag, in den deutschen Innenstädten drückten sich Passanten an die Scheiben der – gab es seinerzeit noch – Fernsehgeschäfte, Sie sahen, wie die Deutschen in Führung gingen, aber nach einer Stunde aus der Spur gerieten. Es war ein schlimmes Spiel vor allem für Berti Vogts, der mit einem tollpatschigen Eigentor den Österreichern Mut machte. Beim entscheidenden Tor zum 2:3 lief er Hans Krankl hinterher, ebenso Verteidiger-Kollege Rolf Rüssmann, dem man bescheinigte, er habe bis dahin ein sehr gutes Turnier gespielt. Er war Vorstopper, Manni Kaltz Libero. Einer der vielen, die sich an der Nachfolge von Franz Beckenbauer versuchten, der bei Cosmos New York spielte und aufgrund der DFB-Politik (keine Spieler von ausländischen Vereinen) nicht nominiert worden war. Zur Begleitmusik der WM hatte im Bundestag ein Antrag des CSU-Abgeordneten Dionys Jobst gehört, dass die Politik die Teilnahme Beckenbauers erzwingen solle. Sein zweitspektakulärster Antrag – später schlug Jobst im Hohen Haus den Anschluss Mallorcas an die Bundesrepublik vor. Das war noch kurioser.

„Wir hatten nicht die Mannschaft, die wir hätten haben können“, sagt Vogts im Rückblick. Bundestrainer Helmut Schön hätte man gerne einen anderen Abschied bereitet. Zusammen mit Udo Jürgens hatte die Nationalmannschaft für ihn eingesungen: „Der Mann mit der Mütze geht nach Haus, und uns’re Achtung nimmt er mit und unseren Applaus.“

Die berühmtesten Leute dieses WM-Spiels waren Hansi Krankl und Edi Finger. Krankl mit seinen beiden Toren, die er noch als Spieler von Rapid Wien schoss, nach der WM wechselte er zum FC Barcelona und wurde sofort Torschützenkönig in Spanien.

Edi Finger war Rundfunk-Kommentator. In den Rückblicken ist zu den Fernsehbildern vom ekstatisch jubelnden Krankl immer Fingers Stimme zu hören. Doch sie wurde erst nachträglich dazugemischt – ähnlicher Fall wie bei der Reportage von Heribert Zimmermann zum Endspiel von 1954. „Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“ – auch das war Radio.

„I wer’ narrisch“, „. . . wir busseln uns ab“, „. . .können wir uns vielleicht a Vierterl genehmigen“, das sind die Edi-Finger-Sätze, die berühmt wurden. Finger war ein Erregungs-Original, wie man sie im Sportjournalismus öfter antrifft. Ein Fan am Mikrofon, das feiert die Welt immer, Lautstärke ist nicht bedrohlich, wenn sie aus einem Land kommt, das keinem weh tut. Der isländische TV-Jubler bei der EM 2016 wurde auch gefeiert.

Auch Finger wurde ein Held von Cordoba

Finger erfuhr durch Cordoba einen Popularitätsschub. Er war auch als Werbefigur gefragt, und seinen Wert verstand er in Verhandlungen einzusetzen. Eine Anekdote ist, er habe immer einen kleinen Bonus herausgeholt wie einen Satz Winterreifen pro Saison. Auch Edi Finger war ein Held von Cordoba.

Österreich hatte eine goldene Spielergeneration, doch aus den guten Voraussetzungen entstand nichts Nachhaltiges. Cordoba und seine Helden wurden zur Last.

Hickersberger (zweimal), „Schneckerl“ Prohaska und Legende Krankl – drei der 1978er-Elf wurden später Teamchefs – und Begleiter eines allmählichen Niedergangs, der darin gipfelte, dass Österreich als erste Nation ein Spiel gegen die Färöer verlor (1990). Bei der WM tauchte Österreich nach Cordoba nur noch 1982 und 98 auf, um sich mal für eine Europameisterschaft zu qualifizieren, bedurfte es der Rolle als einer von zwei Ausrichtern 2008 (mit der Schweiz). Eine Gruppe junger Satiriker startete, weil das Team so schwach war, gar eine Kampagne, man möge auf den Startplatz verzichten und ihn einer richtigen Fußballnation wie England überlassen. Sie forderten auch eine Akademie, in der Funktionäre ausgebildet werden sollten, damit sie das Geld, das ja durchaus floss in den Fußball, nicht so ziellos verpulvern wie der Austrokanadier Frank Stronach.

Mittlerweile hat sich der österreichische Fußball gefangen. Er hat ordentliche Nachwuchsteams (Höhepunkt: Platz vier bei der U20-WM 2007) und eine aufstrebende Frauenmannschaft (EM-Halbfinale 2017). Und mit David Alaba gibt es einen Fußballstar in der Popularitätsdimension der alpinen Skirennläufer. Von den Kickern von 1978 wird heute nur noch Herbert Prohaska, frisurentechnisch längst entschneckerlt, noch geduldet – als TV-Experte. Er gehört halt zum Inventar.

Da Österreich dieser Tage keinen WM-Betrieb hat, wird es die Muße finden, des 40. Jahrestags zu gedenken. „Das Wunder von Cordoba“, als solches ist es verzeichnet. „Die Schmach von Cordoba“ ist es für die Deutschen, der 21. Juni ist bei ihnen kein Ehrentag. Und am 21. Juni 2018 gehen ihre Gedanken zum 23, Juni 2018. Man spielt gegen Schweden – und darf kein Ereignis zulassen, das Cordoba noch übertreffen würde.

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