Anmüllern gegen die Krisenstimmung

von Redaktion

Blockbildung am Essenstisch? Der Bayern-Spieler bringt die Leichtigkeit zurück – und erklärt den Fußball

Von Günter Klein

Sotschi – Thomas Müller räumt es ein: Es war nicht sein Spiel gegen Mexiko, „ich bin nicht so in die Abschlusspositionen gekommen“. Er hatte das nicht erwartet, denn beim Aufwärmen, so erzählt er es drei Tage später in Sotschi, war er in Bestform: „Zwei Schüsse mit rechts oben links im Winkel versenkt und zweimal eingeköpft – leider waren keine Gegner dabei.“ Ein echter Müller. Genau das Programm, das die Nationalmannschaft jetzt braucht – Kapitän Manuel Neuers Auftritt 24 Stunden zuvor, noch im Stammquartier in Watutinki, war ja recht bedrückend gewesen.

Müller war immer schon am besten, wenn alle am Rad drehten. Auch bei der WM vor vier Jahren. Allseitige Aufgebrachtheit über die deutsche Leistung im Verlängerungs-Achtelfinale gegen Algerien, spezielle Aufgeheiztheit zwischen ZDF und Per Mertesacker (das Eistonnen-Interview) – und dann setzte sich Müller in Santo Andrä, dem brasilianischen Fischerdorf, in dem die Mannschaft wohnte, an den Tisch zu einer Interviewrunde und analysierte die Lage mit der Mischung aus Klarheit und der Es-ist-Fußball-und-nicht-das-Leben-Leichtigkeit. Ab dem nächsten Spiel (Frankreich) war alles anders. Klar, dass nun in Russland mal wieder ein Müller-Auftritt sein musste.

Er beherrscht das Spiel mit den Medien, er weiß, wie sich Urteile bilden. Sein Beispiel ist: 2014 eine Niederlage gegen Algerien und das Achtelfinal-Aus – und den ganzen Hype um das Campo Bahia, das Quartier als Schlüssel zu Teamgeist und Weltmeistertitel, hätte es nicht gegeben. Stattdessen den Vorwurf, „dass wir da Urlaub gemacht haben“. Doch seit dem Campo ist der Meerblick nun mal eine anerkannte deutsche Erfolgsmethode. Müller sagt: „Er wird uns gegen Schweden zur Höchstleistung führen.“

Er wurde gestern gefragt, ob sich im Team Blöcke gebildet hätten und gegeneinander arbeiten würden. Er sagte: „Wir essen nicht alle an einer großen Tafel, es gibt verschiedene Tische, und man sitzt vielleicht eher mit jemandem zusammen, mit dem man auch privat zu tun hat. Für mich gilt auch da: Ich bin variabel einsetzbar.“

Ob seine Variabilität so weit führen würde, dass er eine Rolle als Ersatzspieler akzeptieren könnte? „Ich wäre frustriert – und jeder, der nicht spielt, sollte es sein.“ Thomas Müller. In Wortklauberei kann man gegen ihn nicht gewinnen.

Er ist ein vortrefflicher Fußball-Erklärer. Das 0:1 vom Sonntag liegt für ihn darin begründet: „Jeder Spieler hat Stärken und Schwächen.“ Mexiko habe es geschafft, die Aktionen so zu gestalten, dass der negative Part zu Tage trat. Müllers Beispiel: „Toni Kroos am Ball mit zwei, drei Sekunden Zeit kann den Pass spielen, der das Spiel verändert.“ Jedoch: „Er hatte einen Kettenhund.“ Und keine Zeit für sein filigranes Passwerk.

Müller selbst, so finden viele, habe zuletzt die Leichtigkeit gefehlt. Er meint dazu: „Leichtigkeit ist etwas, was einem hinterher assistiert wird.“ Nach einer Aktion. Er kann die Wege, die für die Aktion erforderlich sind, geleistet haben – „doch wenn der Ball nicht ankommt, dann wirkt es auch nicht leichtigkeitig“, so Müller mit einer Wortschöpfung. „Für Leichtigkeit gibt es keine Trainingsübung.“

Er sagt, er möchte noch ein paar Wochen in Russland bleiben. Und müllert gegen das Vorrunden-Aus an.

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