Sotschi – Patrick Broome ist Yoga-Lehrer. Eine Freundin machte ihn vor Jahren mit Oliver Bierhoff bekannt. „Der wiederum rannte mit seiner Begeisterung für die indische Lehre bei Jürgen Klinsmann offene Türen ein.“ Bereits nach der ersten Yoga-Stunde im Mai 2005 war klar: Broome ist für die deutsche Nationalelf engagiert. Seitdem reist der Münchner mit – und ist nun auch in Russland dabei. Im Interview erklärt er, warum Yoga manchmal weh tun kann, bunte Schlabberhosen beim DFB tabu sind und Jens Lehmann lange keine Lust auf Yoga hatte.
-Herr Broome, Sie sind am Dienstag angereist und nun mit dem Team seit vorgestern in Sotschi. Wie kann man sich das Trainingslager speziell in Watutinki vorstellen?
Als Mischung aus Militär-Kaserne und Jugendherberge.
-Das klingt nicht besonders einladend . . .
Wir haben auch alle ganz schön geschaut, als wir da angekommen sind. Aber: Wir sind ja schließlich nicht hier, um Urlaub zu machen.
-Wie ist die Stimmung?
Sehr gut. Aber so langsam kommt Spannung ins Spiel.
-Ihr Spezialgebiet! Ihre Aufgabe besteht schließlich darin, die (An-)Spannung der Spieler zu lösen.
Ganz genau. Yoga ist eine perfekte Ergänzung, ein super Ausgleich zu den kräftezehrenden Trainingseinheiten. Yoga mobilisiert, kräftigt, dehnt und streckt. Ziel ist es, die Körperpartien, die überbelastet sind, zu entspannen und diejenigen, die unterentwickelt sind, zu kräftigen.
-Das klingt nach Arbeit . . .
Ja, Yoga kann auch mal anstrengend sein. Vor allem nach einem Spiel, wenn die Muskeln auf ein Minimum verkürzt sind, sieht man den Jungs an, dass sie keinen Spaß an der Sache haben. Aber da müssen sie durch. Und meistens geht es ihnen danach sogar besser.
-Gibt es Spieler, die keine Lust auf Yoga haben?
Die hat es gegeben. Jens Lehmann hat sich lange geweigert mitzumachen. Ich glaube, weil er Angst hatte, seinen Biss zu verlieren. Das ist so ein altes Vorurteil, das der indischen Lehre anhaftet.
-Aber da ist nichts dran.
Ganz im Gegenteil! Yoga stärkt nicht nur den Körper, sondern auch den Geist. Das wiederum kann helfen, Ziele zu visualisieren und ganz bewusst umzusetzen.
-Das sollte auch Lehmann überzeugt haben.
Ja, tatsächlich. Irgendwann ist er über seinen Schatten gesprungen und hat es einfach ausprobiert. Mittlerweile ist er ein riesen Yoga-Fan.
-Was ist mit den Spielern unserer National-Elf?
Manche kommen regelmäßig, manche eher selten.
-Und was ist mit dem Trainer, unserem Jogi?
Der ist total begeistert. Seit wir hier sind, hatte er aber leider noch keine Zeit, an einer Yoga-Session teilzunehmen.
-Das heißt, niemand wird zum Sonnengruß gezwungen?
Nein, das Angebot ist freiwillig. Außer nach einem Spiel. Da stehen bei allen Spielern zwei Reha-Einheiten auf dem Plan. Zwanzig Minuten radeln, zwanzig Minuten Yoga.
-Und da wird nicht gemurrt?
Nein. Bei der ganzen Spannung, die auf dem System lastet, sind die Spieler froh, wenn sie zwischendurch mal entspannen können. Gerade in Phasen, in denen der Schlaf unter der Anspannung leidet, helfe ich ihnen, runterzukommen. Durch Atem-, Dehn- und Kräftigungsübungen.
-Wo finden die Yoga-Sessions statt?
Wir haben hier einen kleinen Fitnessraum mit Spiegelwand und Gummiboden.
-Und die Spieler kommen barfuß und in Schlabberhose?
Barfuß, ja. Bei den Klamotten gibt es klare Vorschriften. Heute haben wir etwa ein einheitliches grünes T-Shirt an.
-Also doch eine Mischung aus Militär-Kaserne und Jugendherberge.
So ungefähr. Nein, Spaß, die einheitliche Kleidung ist dazu da, die Spieler näher zusammenzubringen. Das Ego wird im Camp hinten angestellt. Es geht einzig und allein um die Mannschaft – und ihr gemeinsames Ziel, den WM-Titel.
-Standen Sie auch schon mal mit den Jungs auf dem Trainingsplatz?
Nein, das würde den Spielern keinen Spaß machen. Ich kicke manchmal mit meinem Sohn. Der ist neun – dafür reicht’s gerade noch. Obwohl – mittlerweile bekomme ich sogar schon von dem kleinen Mann Sätze wie „Papa, schieß mal gscheit“ zu hören.
-Sie waren dabei, als Deutschland 2014 Weltmeister wurde. Klappt es noch einmal?
Die Jungs sind auf jeden Fall super entspannt – und hoch motiviert.
Interview: Manuel Bonke