Afrikas Fußball bei der WM

Die Haltung zählt

von Redaktion

Man muss in eine Fußball-WM immer mit der Bereitschaft gehen, sich zu verlieben. Öffnet die Herzen für jemanden, den ihr bis dahin noch gar nicht gekannt habt. Ein Fanleben verzeichnet einige dieser Liebschaften – je nach Generation: Für ältere sind es die Haitianer, die 1974 in München spielten, es folgte 1990 der Verrückten-Doppelpack Kamerun (Roger Millas Lambada an der Eckfahne)/Kolumbien (mit dem Show-Torhüter Rene Higuita), 1994 die Rumänen, die zum Blondieren gingen, 2002 die Duracell-betriebenen Südkoreaner, die nicht aufhörten zu laufen. Sogar die Deutschen waren mal ein Team des Herzens (2010, als sie so undeutsch spielten). Würde man eine repräsentative Erhebung machen, wären wahrscheinlich aber die Schwarzafrikaner am besten repräsentiert.

2018 hat einen neben Island (gut, aber wir kennen uns bereits zwei Jahre, die Hu-Euphorie ist Mainstream) bisher Senegal angeflirtet. Dieses Team hat gegen Polen beeindruckt – mit seiner Athletik, aber auch mit seiner taktischen Reife. Ein potenzieller Weltmeister ist es trotz des Liverpool-Stars Mane nicht, doch vielleicht sollte man einfach mal aufhören, den afrikanischen Fußball daran zu messen, wie weit seine Vertreter bei der Weltmeisterschaft kommen. Es werden ohnehin ja immer 31 Teams nicht Weltmeister (und ab spätestens 2026 gar 47 Mannschaften).

Wichtig ist die Haltung. Und mit der hat Senegals junger Trainer Aliou Cissé beeindruckt. Er freute sich über das 2:1 gegen Polen, doch sofort gingen seine Gedanken zu den anderen Nationalteams von seinem Kontinent. Er wünsche sich, sagte er, „dass Tunesien, Marokko und Nigeria wieder aufstehen“. Von einem europäischen Trainer würde man solch herzliche Anteilnahme am Schicksal der Nachbarn wohl nicht zu hören bekommen.

Dabei ist es für jedes Land aus Afrika sportlich besser, wenn es ab der K.o.-Runde das einzige vom schwarzen Kontinent ist. Diesen Effekt hat Ghana verspüren können, als 2010 Gastgeber Südafrika ausgeschieden war. Ghana wurde zum Vertreter aller Afrikaner – und wäre fast ins Halbfinale getragen worden.

Auch Senegals Coach Cissé spürt schon die Unterstützung aus allen Ecken eines benachteiligten Erdteils. Ob man daraus tatsächlich Kraft beziehen kann? Man muss halt daran glauben. Wie an die Liebe im Fußball.

Artikel 1 von 11