Erstarrt und verstummt

von Redaktion

Ähnlich wie Deutschland zeigt sich Polen vom Fehlstart seines Teams erschüttert – Der Druck setzt Lewandowski zu

VON GÜNTER KLEIN

Moskau – Die deutsche Geschichte: Erste Halbzeit indisponiert, zu viele Bälle verloren, in Rückstand geraten. Zweite Halbzeit: verbessert, aber nicht ausreichend, um das Spiel noch zu drehen. Unterm Strich: eine Niederlage und die trotzige Ankündigung des Trainers, dass im nächsten Spiel alles besser wird. Genau so geht auch die Geschichte vom polnischen Fehlstart ins WM-Turnier: 1:2 gegen Senegal – und ein Land ist erstarrt. Davon kündete das betretene Schweigen der zuvor sehr euphorischen und großen polnischen Fan-Kolonie im Moskauer Spartak-Stadion.

Und auch das ist wie bei den Deutschen: Die Qualität aus der Qualifkation scheint verflogen. Trainer Adam Nawalka rüffelte: „Unsere Flügelspieler haben keinen guten Job gemacht.“ Vor allem in Kamil Grosicki vom englischen Zweitligisten Hull City hatte er große Hoffnungen gesetzt, schließlich musste vor allem Robert Lewandowski mit Vorlagen versorgt werden. Der Stürmer des FC Bayern hatte mit 16 Toren dafür gesorgt, dass Polen sich endlich wieder einen WM-Traum würde erfüllen können. Zuletzt war Polska 2006 dabei gewesen, in Erinnerung blieben da aber nur die Hooligans, die durch die deutschen Städte – besonders Dortmund war betroffen – marodierten.

Mit Lewandowski hofft man, die goldenen Zeiten aus den 70er- und frühen 80er-Jahren wieder aufleben zu lassen. Lato, Szarmach, Boniek – Polen hatte mal Weltstars. Ist auch Lewandowski einer?

Gegen den Senegal hat er es nicht nachweisen können. Sein Wirken beschränkte sich auf eine starke Szene zu Beginn der zweiten Halbzeit. Schneller Antritt, Foul an ihm, Freistoß aus guter Position. Etwa so wie Cristiano Ronaldo neulich gegen Spanien. Lewandowski schoss ähnlich, es hätte passen können. Doch Senegals drahtiger Keeper Khadim Ndaye, der als einziger aus dem afrikanischen Team keinen Job in Europa, sondern in Guinea hat, flog den Ball aus dem Winkel heraus. Lewandowski stemmte die Arme in die Hüften und drehte verzweifelt den Kopf weg.

Es geht um vieles für ihn in Russland. Um seinen Platz in der Geschichte. Er fühlt sich seinem Heimatland verbunden, er will der größte Fußballer werden, den Polen jemals hatte. Doch der Druck setzt ihm zu. Bei der Europameisterschaft 2012 – Polen war Co-Gastgeber – sah man ihn vor allem in der Skyline von Warschau; auf Hochhausfassaden prangte, über Etagen hinweg, das Gesicht Lewandowskis – angebracht vom Ausrüster des Verbandes. Doch auf dem Platz: Lewandowski und sein Team schieden nach der Vorrunde aus. Bei der EM 2016 gelang ihm nur ein Tor: im Achtelfinale gegen Portugal, dort war Schluss,

Mit fast 30 spielt Lewandowski auch um sein internationales Standing. Er steckt in der Bundesliga fest, hat aber Ambitionen auf Größeres erkennen lassen. Real Madrid? Oder die Premier League? Eine gute WM wäre hilfreich für die Positionierung, falls das Transfer-Domino diesen Sommer in Gang gesetzt wird. Nur wenn Lewandowski einen hohen Preis erzielen würde, könnte beim FC Bayern das Unverkäuflich-bis-Vertragsende-Prinzip aufgeweicht werden. Lewandowski spielte gegen den Senegal aber kein bisschen wie ein Mann, für den irgendjemand einen dreistelligen Millionenbetrag bezahlen würde. Nach dem misslungenen Spiel ging er zu seiner Ehefrau Anna, die im Spartak-Stadion war. Trauriger Familienrat.

Nawalka sparte bei seiner Kritik am Team Lewandowski namentlich aus. Sie pflegen eine enge Trainer-Spieler-Beziehung. Der Coach monierte die individuellen Fehler, die zu den zwei Gegentoren führten. „Wir haben nicht flüssig gespielt und unser Potenzial nicht genutzt. Von der Statistik her waren wir besser, aber entscheidend ist, was im Netz liegt.“

Nächster Gegner in der multikontinentalen Gruppe Polens (je ein Afrikaner, Südamerikaner, Asiate) ist Kolumbien. „Wir werden eine viel bessere Einstellung haben“, sagt Nawalka. Er hofft auf den gegen Senegal fehlenden Kamil Glik (AS Monaco), „der schon wieder mit dem Team trainiert“. Glik ist Verteidiger, Typ gnadenloser Abräumer. Das, was Polen braucht, bevor es an Lewandowski-Tore denkt.

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