Sotschi – Wie stellt Jogi Löw auf? Es ist ein beliebtes Ratespiel im Fußballvolk, und meist kommt es der richtigen Auflösung sehr nahe. Neun, zehn Positionen kann man erahnen (zumindest in den Pflichtspielen in Qualifikationen und Turnieren), auf einer pflegt der Bundestrainer alle zu überraschen.
Für Samstag wird das spannend wie nie. Denn die Situation, in die die deutsche Nationalmannschaft bei der WM geraten ist, hatte sie zuletzt 1982 (als die Mehrzahl der Spieler von heute noch nicht geboren war). „Wir dürfen das zweite Gruppenspiel nicht verlieren. Bis jetzt hatten wir das nur vor dem dritten“, so sagt es Manager Oliver Bierhoff. In welcher personellen Besetzung man sich der Herausforderung gegen Schweden, das schon drei Punkte hat (1:0 gegen Südkorea), stellt, ist das herausragende Diskussionsthema daheim in Deutschland. Es zieht sich bis in die Talkshows, die eigentlich politisch ausgerichtet sein sollten und nun zum Sportstammtisch verkommen, an dem einer wie der zu seiner eigenen Spielerzeit alles andere als untadelige Mario Basler behaupten darf, Mesut Özil habe „die Körpersprache eines toten Froschs“.
Wäre die Lage entspannter, würde DFB-Direktor Bierhoff dem Kritiker Basler die Stirn bieten; so moniert er nur, „dass Kritik nicht unter die Gürtellinie gehen sollte“, akzeptiert aber grundsätzlich, dass es sie gibt und sie klar zum Ausdruck gebracht wird. Das lässt durchklingen, dass auch der für unantastbar gehaltene Mesut Özil am Samstag zur Disposition stehen könnte. Der Bundestrainer, so berichtete Bierhoff, befinde sich in der Abwägung: „Jogi weiß, was er an seinen bewährten Spielern hat, doch ebenso an den jungen aufstrebenden Spielern aus dem Team vom Confederations Cup. Da muss man überlegen.“ Bierhoff („Ich bin auf der Seite der Trainer“) wird schon ein bisschen mehr wissen, wenn er sagt: „Irgendeinen Impuls wird es schon geben.“
Nun muss auf die Schnelle repariert werden, was sich über Wochen eingeschlichen und was man trotz der Testspiel-Eindrücke aus Klagenfurt (gegen Österreich) und Leverkusen (Saudi-Arabien) ignoriert hat. Thomas Müller räumt ein: „Wir konnten unsere Leistung seitdem nicht steigern. Wir dachten, ohne die Trainingslagerintensität im Hintergrund würden wir, wenn die WM losgeht, in gewohnter Stärke auf dem Platz stehen.“ Dem war nicht so, das 0:1 gegen Mexiko hat die Mannschaft in eine gefährliche Lage gebracht. Mit einer von ihr selbst (nicht vom Trainerteam) angestrengten großen Sitzung am Dienstag in Watutinki hat sie versucht, die Wende einzuleiten. Müller meint: „Wir dürfen uns nicht zerfleischen und selbst auffressen.“
Die DFB-Delegation ist in Sotschi angekommen am Dienstagabend, „ein Break von der Zeit in Moskau“, sagt Bierhoff. Sotschi am Schwarzen Meer sollte eigentlich der ständige Sitz während der WM werden, er scheiterte daran, „dass die FIFA hier keinen Trainingsplatz zur Verfügung stellt. Da hätten wir ein Schloss bauen können.“
Der Umzug signalisiert einen Neuanfang, und am Mittwoch ist die Depression ein wenig zurückgewichen und hat sich der Optimismus Terrain zurückgeholt. Bierhoff sagt, er habe noch immer das Gefühl, „dass jeder sich für die WM viel vorgenommen hat“. Und die Erfahrung zeige: Das Team habe sich schon öfter wieder gefangen. Berichte über Risse im Mannschaftsgefüge wies er zurück: „Das kann ich dementieren.“
Des Managers erste Einstimmung auf Samstag: „Die Schweden können die Dinge auf sich zukommen lassen. Wir müssen ihnen unser Spiel aufzwingen. Es wird eine enge Kiste. Trotz aller Qualität, die wir haben – es muss auch mal ein Kampfspiel geben.“ Mit Impuls-Aufstellung.