Russland im Rausch

von Redaktion

Die laut Weltrangliste schlechteste Mannschaft der WM begeistert mit Achtelfinal-Einzug – „Wir sind 23 Brüder“

St. Petersburg/Moskau – Autokorsos in Moskau, Jubellieder und weiß-blau-rote Fahnen überall: Nach der zweiten Gala der Nationalelf, dem 3:1 gegen Ägypten, hat das WM-Fieber Gastgeber Russland endgültig erfasst. Der Held nach dem da schon fast sicheren (und gestern besiegelten) Einzug in die K.o.-Runde mit 8:1 Toren aus zwei Spielen ist für die meisten hohen Sportfunktionäre der Trainer. „Stanislaw Salamowitsch Tschertschessow gebühren große Ehre und Respekt, dass er dieses Team geformt hat“, sagte Sergej Anochin, Vizepräsident des Fußballverbandes. „Alle Kritik hat sich in Lob verwandelt.“

Schon direkt nach dem Schlusspfiff war der Jubel grenzenlos gewesen. „Ein historischer Sieg …“, rief der Stadionsprecher in St. Petersburg – weiter kam er nicht. Tosender Jubel prasselte von den Rängen der glanzvollen Arena, und auf dem Rasen führten Russlands Fußballer einen Freudentanz auf in der Hoffnung, dass der Triumph so schnell nicht enden möge. Russland ist im Rausch – und die lange unterschätzte Mannschaft will mehr.

„Auch gegen Uruguay interessiert nur der Sieg“, tönte Denis Tscheryschew euphorisch. Mit seinem dritten Turniertor zog der Stürmer vor Portugals zweitem Spiel vorerst mit Superstar Ronaldo gleich. Noch heller als sonst schienen in Russlands zweitgrößter Stadt die berühmten Weißen Nächte um die Sommersonnenwende, in denen die Sonne kaum untergeht.

Historisch, einzigartig, phänomenal: Nur auf dem 70. Platz der Weltrangliste ist Russland nominell die schlechteste Mannschaft des Turniers. Und dann eine solche Leistungsexplosion! Bereits jetzt steht Russland so gut wie im WM-Achtelfinale: Es wäre das erste Mal – noch so ein historischer Moment.

Auch das Wiederaufflammen der Dopingdiskussion störte das Team von Trainer Tschertschessow nicht. Eine Urinprobe von Nationalspieler Ruslan Kambolow, der nicht im WM-Kader steht, soll 2015 ausgetauscht worden sein, behauptet der in die USA geflüchtete Ex-Leiter des Moskauer Doping-Kontrolllabors, Grigori Rodschenkow. Eine Journalistenfrage dazu ließ Tschertschessow nach dem Spiel kühl abtropfen. Er gebe nur Antworten zur Partie gegen Ägypten, sagte der Ex-Bundesliga-Torwart von Dynamo Dresden.

Noch in der Nacht flog die Sbornaja von St. Petersburg ins etwa 650 Kilometer entfernte Moskau. Am Montag wartet im letzten Gruppenspiel Uruguay – ein schwererer Brocken als Ägypten und als Saudi-Arabien (5:0).

Doch die Mannschaft ist zusammengewachsen. „Wir sind 23 Brüder“, sagte Stürmer Artjom Dsjuba und bahnte sich einen Weg durch den Fotografenpool, den fünfjährigen Sohn Nikita auf der Schulter. „Er wird mal Angreifer – wie ich“, meinte der stolze Vater. Dsjubas massiver Körpereinsatz hatte Russland auf die Siegerstraße geführt. Im Zweikampf mit Dsjuba produzierte Fathi (47.) mit einem verzweifeltem Spagatschritt ein Eigentor. Tscheryschew (58.) und Dsjuba (62.) trafen zum Endstand. Was folgte, waren Jubel und Erleichterung.  dpa

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