Amiri, Pique und das Fliewatüüt

von Redaktion

So ein Gedächtnis ist eine prima Sache. Gerade im Fußball, wo viele prägnante Ereignisse so lange her sind, dass ein normaler Mensch sich unmöglich daran erinnern kann. Weil aber Fußballfans keine normalen Mensch sind, ist die Vergangenheit immer präsent.

Eigentlich dürfte das gar nicht sein. Ständig läuft im Fernsehen aktueller Fußball, das Hirn empfängt jede Menge Impulse, und doch muss man kein Prophet sein, um zu sagen, dass sich in 20 Jahren kein Mensch an Portugals 1:0 gegen Marokko erinnern wird, geschweige denn an Uruguays 1:0 gegen Saudi-Arabien. Dagegen die WM 1970. Deutschland – Italien, das Jahrhundertspiel. Es gibt in unserer Redaktion Kollegen, die können die Geschichte dieses Halbfinals so detailliert wiedergeben, dass die Erzählzeit sich kaum von der Spielzeit (120 Minuten) unterscheidet.

Für Freunde guten Fußballs ist das vollkommen logisch. Für Mediziner aber auch. Jeder Neurologe kann bestätigen, dass ein Langzeitgedächtnis selbst dann noch super funktioniert, wenn das Kurzzeitgedächtnis längst den Geist aufgegeben hat. Früher war vielleicht nicht alles besser. Aber wenigstens erinnert man sich noch dran.

Es ist deshalb wahrscheinlich völlig normal und total unbedenklich, was mir am Mittwoch passiert ist. Ich kaufte eine CD für meinen Sohn, verließ den Laden, ging über die Straße zu einem Sportgeschäft, stöberte ein bisschen, setzte mich ins Auto und fuhr heim. Als ich ankam, war die CD weg.

Der Wissenschaft folgend könnte ich mich damit trösten, dass ich die alten WM-Schlachten dafür vor Augen habe, als wären sie erst gestern geschlagen worden. Aber es kommt ja noch besser. Auch weite Teile des Mittwochs sind noch vorhanden. Wie der Iraner Amiri den Spanier Pique tunnelte, war eine Szene, von der ich glatt meinem Sohn erzählen würde. Aber er hört lieber andere Geschichten. Sollte also in Holzkirchen jemand auf eine originalverpackte CD von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ stoßen, melde er sich bitte bei … Marc Beyer

Artikel 1 von 11