Sotschi – Alle Deutschen sagen und denken: Oh, Schweden spielt mit einem Abwehrriegel, er wird kaum zu knacken sein, das droht ein 0:0 zu werden, mit Glück ein 1:0. Doch da ist man schon mittendrin in den Klischeevorstellungen. Denn Schweden war in Fußball-Begegnungen mit Deutschland nie eine Zu-null-Truppe.
Die letzten beiden Resultate: 4:4 und 5:3. Das 4:4 von Berlin im Oktober 2012 in der Qualifikation zur WM 2014 ist weltberühmt geworden – wegen des Spielverlaufs, den fünf Jahre später in der Bundesliga Borussia Dortmund und Schalke 04 nachstellten. 4:0-Führung (Deutschland, Dortmund), dann Einbruch aus dem Nichts erfolgend. Endstand: 4:4. Das DFB-Team verlor völlig den Halt, die Stimmung kurz nach der EURO (Halbfinal-Aus gegen Italien) war ziemlich down. Die deutsche Mannschaft tütete die Qualifkation dann aber doch souverän ein. Im Oktober 2013 musste sie zum Rückspiel und beteiligte sich an einem Scheibenschießen. Die Rollenverteilung diesmal umgekehrt. Erst führte Schweden (2:0), mit vier Treffern in 21 Minuten konnten die Deutschen Schweden-in-Berlin-like kontern.
Ein 0:0 ist jedenfalls das letzte Ergebnis, das zu einem Match zwischen Schweden und Deutschland passen würde. Vorgekommen ist es lediglich zweimal in 36 Spielen, in Freundschaftsbegegnungen (2010, 1931). Schweden – Deutschland steht für Spektakel.
Dankbarer Gegner bei der WM 2006
Es gab die Partie bei beiden WM-Turnieren in Deutschland. 2006 waren die Skandinavier ein angenehmer Gegner im Achtelfinale in München. Ein weiterer Aufbaugegner nach einer schon milden Gruppenphase (Costa Rica, Polen, Ecuador). 2:0 gewann die Elf von Trainer Jürgen Klinsmann, beide Tore erzielte der junge Lukas Podolski, von seinem Sturmpartner Miroslav Klose an der Hand genommen.
1974 in Düsseldorf gewann das DFB-Team 4:2. Es war das zweite Spiel der Zweiten Runde, in der man seine Vierergruppe als Erster abschließen musste, um ins Finale zu kommen. Nach der Vorrunde herrschte Krisenstimmung, Westdeutschland hatte 0:1 gegen die DDR verloren (das Sparwasser-Tor!). Franz Beckenbauer wurde bei Bundestrainer Helmut Schön vorstellig und erzwang für den Auftakt von Runde zwei gegen Jugoslawien personelle Veränderungen, unter anderem flog Uli Hoeneß aus der Startaufstellung. Nach dem 2:0 gegen Jugoslawien entspannte sich die Lage, gegen Schweden überstand die Nationalmannschaft einen 0:1-Rückstand und den schwedischen 2:2-Ausgleich, Jürgen Grabowski und Uli Hoeneß, wieder gefragt, mit einem Elfmeter brachten die Sache zu einem guten Ende. Übers anschließende Regenschlacht-Match gegen Polen (1:0) zog man ins Finale ein.
Nur ein bedeutsames Spiel gegen Schweden hat eine deutsche Mannschaft verloren. Das – Achtung, schlechtes Omen – als Titelverteidiger bei der WM. 1958 – 60. Jahrestag ist der kommende Sonntag – gewann Schweden bei seiner Heim-WM das Halbfinale 3:1. In Erinnerung blieb die Partie, weil Erich Juskowiak als erster deutscher Spieler bei einer Weltmeisterschaft vom Platz gestellt wurde (es stand 1:1) – und weil im Ullevi-Stadion von Göteborg eine feindselige Stimmung herrschte. Heute wäre es von der FIFA verboten, damals war es neu und legitim: Die Schweden hatten Einpeitscher, die vor den Rängen auf und ab gingen und mit Megafonen das Publikum in Wallung brachten.
Eigentlich untypisch für das Vernunftsvolk Schweden, das den Deutschen immer durch seine Gelassenheit imponierte. Gerne verpflichteten die Bundesligisten ab den 70er-Jahren Spieler aus Schweden. Sie waren gut, unkompliziert und lernten schnell die Sprache (oder beherrschten sie schon, als sie kamen). Die ersten schwedischen Stars waren Torhüter Ronnie Hellström und Stürmer Roland Sandberg, die zu Stützen des 1. FC Kaiserslautern wurden (sie spielten auch 1974 beim 2:4 mit, Sandberg schoss das 2:2).
Im Eishockey lief’s mal umgekehrt
Und noch einer aus Schweden begeisterte Deutschland: „Fimpen der Knirps.“ Ein Spielfilm, 1974 erschienen. Die erfundene Geschichte von einem sechsjährigen Jungkicker, der so gut ist, dass er Torjäger der Nationalmannschaft wird – ehe er sich entscheidet: Ach, Schule ist doch erst mal wichtiger. Die echten Nationalspieler spielten mit, „Fimpen“ gilt als einer der besten Fußballfilme aller Zeiten.
Im Fußball ist die deutsch-schwedische Hierarchie stets klar gewesen. Genauso wie im Eishockey. Da ist Schweden Fußball-Deutschland und Deutschland Fußball-Schweden. Einzige Ausnahme: Olympia-Halbfinale 2018 in Pyeongchang. Deutschland schlug Schweden in der Verlängerung. Der Schiedsrichter sah sich den Treffer vorsichtshalber in der Videoaufzeichnung an und sagte schließlich: „It was a good goal.“ Ein großer Satz des Sportjahres.