Wie immer im Sommer herrscht ein munteres Gewusel auf dem Münchner Viktualienmarkt, frühmorgens schon. Marktfrauen dekorieren ihr Gemüse, Touristen schieben Rollkoffer übers Kopfsteinpflaster. Einer fiel gestern auf im geschäftigen Treiben, nicht nur wegen seines gemütlichen Schlendergangs – auch weil er sich optisch hervorhob. Schwarzrotgold ist ja ein seltener Anblick in diesen aus DFB-Sicht trüben WM-Tagen. Noch seltener aber sieht man die deutschen Farben als Gips – so wie an Jürgens Unterarm.
„Radunfall, selbstverschuldet“, sagt der 56-Jährige aus Herne und lacht. Der erste Schmerz ist längst der fröhlichen Aufmerksamkeit gewichen, die er mit seiner Deutschland-Schiene erregt. Natürlich will man da als Reporter mehr wissen: Wer ist der Arzt, dessen WM-Fieber bis ins Behandlungszimmer reicht? Und wäre der auch gerüstet, wenn Patienten aus anderen Ländern kommen, aus Kroatien, wozu es rot-weißen Karo-Mull bräuchte? Oder aus Brasilien (blauer Globus auf gelber Raute)? War er womöglich in der Praxis von DFB-Arzt Müller-Wohlfahrt? „Nee, nee“, sagt Jürgen stolz: „Das hab ich schon selber gemacht.“
Die Grundfarbe des Verbandes war Rot. Gelbes und schwarzes Rollenpflaster musste er nicht etwa in der Apotheke kaufen, er hatte es eh zu Hause im Schrank: „Ich bin natürlich BVB-Fan“, sagt der Mann aus dem Ruhrpott – wohlwissend, dass sein Wohnort Herne eher dem Schalker Lager zugeordnet wird (von denen Dortmund im Rahmen der Fanfolklore Lüdenscheid-Nord genannt wird).
Als leidenschaftlicher Fußballanhänger war es Jürgen ein Anliegen, Flagge zu zeigen nach der Auftaktpleite gegen Mexiko: „Bleibt mir ja nichts anderes übrig als Deutscher.“ Doch hat er Hoffnung, dass der Weltmeister schon am Samstag sein wahres Gesicht zeigt? Jürgen verzieht seines bei dieser Frage. „Nicht so richtig“, sagt er: „Schon die Testspiele waren ja Mist.“ Nur ein Nationalspieler mache ihm ein bisschen Hoffnung. „Marco Reus“, lacht der BVB-Fan, „wer sonst?“
Insgeheim würde sich Jürgen nicht wundern, wenn die deutsche Mission Titelverteidigung schon am zweiten Gruppenspieltag endet, so ehrlich ist Jürgen, der trotz seiner Schwarzrotgold-Leidenschaft nicht so wirkt, als würde er im Falle des WM-Aus länger trauern. Seinen Gips würde er wohl lassen – oder aber mit einem kleinen Kunstgriff verändern, denn: „Die Spanier gefallen mir auch ganz gut.“ Dazu müsste er nur das schwarze Leukoplast abreißen.
Anschauen wird er sich das Spiel mit hiesigen Freunden in einem Münchner Bierkeller – und das Programm für die Tage danach steht auch schon fest: „Es geht nach Oberstdorf, von dort werden wir in acht Tagen nach Südtirol wandern.“ Sehnsucht nach Höhe, die in seinem Fall nachvollziehbar ist. Jürgens Beruf ist ein Ruhrpott-Klassiker: Bergmann. uli kellner