München – Es war einer der Schmunzler dieser ersten WM-Tage: die Fotomontage, die Joachim Löw im Bundeskanzlerinnen-Blazer zeigt – mit zur Merkel-Raute gefalteten Händen. „Überschrift: „Wir schaffen das!“ Der berühmte Satz, den Angela Merkel auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise formulierte – und der inhaltlich dem entspricht, was der Bundestrainer nach dem WM-Fehlstart gegen Schweden andeutete („Wir stehen wieder auf“). Die zwei berühmtesten Köpfe Deutschlands verbindet auch sonst verblüffend viel.
Karriereverlauf
Hätte jemand gedacht, dass die unscheinbare Physikerin eines Tages die wichtigste Staatschefin der Welt wird, als sie von Helmut Kohl testweise in kleineren Ministerien eingesetzt wurde (Frauen/Jugend, Umwelt)? Ebenso viele wahrscheinlich, wie Löw als künftigen Bundestrainer gesehen hatten, als der einstige Stuttgarter in die Türkei und nach Österreich gehen musste, weil er sich selbst beim KSC nur ein halbes Jahr gehalten hatte. Merkel, seit 2005 Kanzlerin, hat sich seitdem in vier Bundestagswahlen durchgesetzt. Und auch Löw, 2006 vom Klinsmann-Helfer zum Bundestrainer befördert, hat nun schon einige recht erfolgreiche Legislaturperioden hinter sich.
Krisenmanagement
Wenn der Druck national (CSU) oder international (Trump, Putin) zu groß wird, erinnert sich Merkel an ihren einstigen Mentor Kohl, der das Aussitzen zum Markenzeichen erhoben hatte. Der Bundes-Jogi kann das genauso: Nach dem Mexiko-Spiel schickte er Generalsekretär Bierhoff vor die Presse und ließ die vorzeitigen Abgesänge unkommentiert. Auch eine gewisse Sturheit verbindet die kühle Mecklenburgerin mit dem smarten Schwarzwälder. Beide handeln nach innersten Überzeugungen, die es ihnen erlauben, langjährige Weggefährten wieder und wieder zu bringen, der öffentlichen Meinung zum Trotz (Özil/von der Leyen). Das eiskalte Abservieren (Sané/de Maizière) beherrschen beide ebenso. Und: Vorlaute Ich-Menschen sind beiden ein Graus (Sandro Wagner/Roland Koch).
Visionen
Davon hat sich Merkel schon vor Jahren verabschiedet. Vielsagend der Slogan, mit dem sie im Herbst zur Bundestagswahl antrat: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben.“ Der von Löw könnte so ähnlich klingen: „Für ein Fußball-Deutschland, das wir gut und gerne unterstützen.“ Beide schätzen den Wohlstand in diesem Land, die multikulturelle, offene Gesellschaft. Wer dagegen krakeelt, sollte kein Einknicken erwarten – sondern bestenfalls Trotz (Flüchtlingskrise hier, Affäre Özil/Gündogan dort).
Amtszeit
Überstehen beide die aktuellen Krisen, setzen sie Marken in den jeweiligen Geschichtsbüchern. Merkel ist bis 2021 gewählt und wäre dann 16 Jahre im Amt – das hat vor ihr nur Kohl geschafft. Löw hat jüngst seinen Vertrag bis 2022 verlängert – er wäre dann genauso lange dabei. Dass beide momentan leiden, steht ihnen ins Gesicht geschrieben (Mundwinkel, melancholische Jogi-Augen). Sollte sich Merkel zu einem spontanen WM-Besuch durchringen, böte sich ein gemeinsames – Frustessen an. Löw: „Uns verbindet die Vorliebe für Cordon bleu mit Bratkartoffeln.“