Als die Welt zu den „Reds“ gehören wollte

von Redaktion

Deutschlands nächster Gegner Südkorea war mal die WM-Sensation – entwickelt hat sich daraus aber nichts

Von Günter Klein

Moskau – Es ist noch immer eine der besten Geschichten, die der neuzeitliche Fußball zu bieten hat: Wie Südkorea diesen Sport entdeckte. Mit welcher kindlichen Begeisterung, mit welcher Freundlichkeit, mit welcher – ja, auch das – Naivität.

Südkorea war schon viermal bei einer WM (dazu einmal Nordkorea, 1966) und wollte auch mal eine ausrichten. Daher die Bewerbung für 2002. Da war klar: Asien sollte dran sein. Doch auch Japan fuhr eine Kampagne. Eine Kampfabstimmung wollte die FIFA nicht, sie zwang Japan und Südkorea zum Gemeinschaftsprojekt. Es gab zwei paritätisch agierende Organisationskomitees, doch öffentlich wurde Japan als der stärkere Partner wahrgenommen, die Koreaner waren der Junior. Während des WM 2002 drehte sich das. Japan schied nach der Vorrunde aus – Südkorea lief bis ins Halbfinale durch, da scheiterte es an Deutschland (0:1). Am Ende wurde der Gastgeber, seit 1986 ein verlässlicher Vorrunden-Ausscheider, Vierter.

Es waren objektiv betrachtet skandalöse Schiedsrichter-Entscheidungen, die Südkorea den Weg über Italien und Spanien bis in Titelnähe bereiteten. Doch wer mal mit Koreanern einen Fernsehabend in der Kneipe verbrachte, bemerkte: Das fiel ihnen gar nicht auf. Die Zuschauer hatten keine Ahnung von diesem Sport – sie begeisterten sich einfach für ihn, weil ihre Mannschaft erfolgreich war.

Es entwickelte sich eine Fankultur, wie sie untraditioneller nicht hätte sein können. Für den Fußball absolut untypisch: Die Koreaner unterstützten das eigene Team, ohne den Gegner in irgendeiner Weise zu schmähen. Der Gegner wurde ignoriert. Die Fans sangen „Oh Pilsung Korea“ (Pilsung heißt Königreich), sie uniformierten sich mit roten T-Shirts, auf denen der Slogan stand: „Be the Reds.“ Es war das schickste Mitbringsel der Touristen von der WM. Jeder war ein Roter, ein Soldat der „Taeguk Warriors“.

Trainer der Sdkoreaner war der Niederländer Guus Hiddink. Er zog sie monatelang in einem Trainingslager zusammen, Kondition machen war der wichtigste Punkt. Die Südkoreaner liefen ihre Kontrahenten kaputt – erst im Halbfinale gegen die Deutschen ging es runter auf Reserve. Das Wunder war beendet.

Ihrem Erfolgstrainer Hiddink schenkten sie Gratisflüge

Hiddink beendete seine gut dotierte Mission – man wollte ihm sogar die Ehrenstaatsbürgerschaft verleihen. Die Korean Airlines sicherten ihm lebenslanges Flugrecht zu.

Der Erfolg hat Hiddink seit einigen Jahren verlassen, in Südkorea hat man trotzdem mit dem Gedanken gespielt, ihn seine Freiflüge wieder antreten zu lassen. Und Hiddink hatte wohl auch überlegt, gratis zu arbeiten, um noch einmal bei einer WM zu coachen. Südkorea hatte eine schwache Qualifikation gespielt, doch nach zuletzt freundlicheren Testresultaten an der einheimischen Lösung Tae-Yong Shin festzuhalten. Er war auf Uli Stielike gefolgt – als zu groß erwiesen sich die kulturellen Unterschiede.

Es ist nichts geblieben von der glanzvollen Ära Guus Hiddink. Größter Star der südkoreanischen Fußballgeschichte ist noch immer der in Deutschland (Darmstadt, Frankfurt, Leverkusen in den 80er-Jahren) populäre Bum-kun Cha („Tscha macht bumm“), aktueller Vorzeigekicker ist Heung-Min Son von Tottenham Hotspur. Er war beim Hamburger SV im Nachwuchs und startete dort in der Bundesliga durch. Mentor des heute 25-Jährigen war der ehemalige Weltstar Ruud van Nistelrooy, zusammen wurden sie „Vater und Son“ genannt. Über Leverkusen schaffte es Son in die Premier League.

Wen man noch kennt: Ja-Cheol Koo. Der einzige Bundesligaspieler. Ihn holte vor acht Jahren Felix Magath zum VfL Wolfsburg, wo es für Koo aber nicht lief. Er ging auf Leihbasis zum FC Augsburg, zog weiter nach Mainz und fand schließlich zurück nach Augsburg, wo er spielt, was gebraucht wird: Rechtsaußen, Sechser, Achter, Zehner. Koo spricht hervorragend Deutsch, war auch Leitfigur seiner Landsleute Hong und Ji, als die beim FCA spielten. Koreanische Reporter sind bei jedem Augsburger Spiel. Sie reden mit Koo, wenn er gespielt und wenn er nicht gespielt hat. In Korea ist Koo wichtiger als in Augsburg.

Koo hatte sich gewünscht, dass „wir beide, Deutschland und Südkorea, schon fürs Achtelfinale qualifiziert sind, wenn wir aufeinandertreffen“. Das ist nicht mehr möglich. Was aber geschehen kann: Dass Südkorea der deutschen Mannschaft das Leben zumindest schwer macht. So wie es bereits zweimal geschehen ist. Im WM-Halbfinale von 2002 – und im letzten Vorrundenspiel 1994 in den USA.

Im glutheißen Dallas führte die DFB-Elf zur Halbzeit 3:0, doch die Koreaner waren konditionell überlegen und hitzeresistent, sie kamen auf 3:2 heran. Trainer Vogts wechselte den überforderten Stefan Effenberg aus – und der grüßte die ob seiner Leistung aufgebrachten deutschen Fans mit dem ausgestreckten Mittelfinger. Vorläufiges Ende seiner Karriere in der Nationalmannschaft.

Südkorea hat im deutschen Fußball also seine Spuren hinterlassen.

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