Watutinki – Welchen Platz sollte das Grande Finale im zweiten WM-2018-Spiel gegen Schweden einnehmen? Dieses Erlösungs-2:1, mit dem die deutsche Nationalmannschaft vom Abgrund zurückgetreten ist, über den sie sich schon gebeugt hatte?
Bei Marco Reus ist Deutschland – Schweden, gespielt in Sotschi, in der Empfindungs-Hitparade Nummer zwei. An die Eins kommt es „nicht ganz hin“. Das war in der Champions League. „Gegen Malaga“, sagt Reus, und die Augen leuchten. 2013, im Jahr, in dem Borussia Dortmund und Reus das Champions League-Endspiel erreichten. Malaga war Gegner im Viertelfinale. „Wir haben in der Nachspielzeit zwei Tore gebraucht“, eine noch aussichtslosere Sache also. Reus selbst erzielte das eine, Felipe Santana das zweite, über das man immer noch diskutieren kann: War schon Abseits, oder?
Für Timo Werner hingegen hat Deutschland – Schweden die Spitze erreicht. Mit Leipzig hat er in die Champions League reingeschmeckt, in der Bundesliga war er mit VfB Stuttgart und Leipzig an aufwühlenden Spielen beteiligt – „doch eine WM ist noch was anderes und wirklich das Allergrößte“. Fast wäre sie ja vorbei gewesen, wenn nicht Timo Werner gefoult worden wäre und sich daraus der Freistoß ergeben hätte, den Toni Kroos ins Toreck schlug. „Man muss ehrlich sein, ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt“, sagt Werner. In diesem ekstatischen Moment, als das wahr wurde, was ihm eben noch als Vision zu kühn erschienen war, „bin ich zusammengeklappt und umgefallen. Ich habe es zu der Jubel-Truppe gar nicht mehr geschafft.“ Doch das Spiel war noch nicht aus, aus, aus. „Der Schiedsrichter sagte: ,Noch eine Minute.’ Dann bin ich noch einmal zurückgerannt.“
Reus und Werner. Zwei, die bislang erst je ein kleineres Turnier erlebt haben. Bei Marco Reus war es – fast in Vergessenheit geraten – die Europameisterschaft 2012 in Polen und der Ukraine. Da spielte er sich so allmählich rein, die englische Presse schrieb leicht bewundernd: „Rolls Reus.“ Weitere Großveranstaltungen verpasste Reus aufgrund seines beispielloses Verletzungspechs.
Timo Werner gehörte zum siegreichen Team beim Confederations Cup 2017. Mit vier Treffern wurde er auch Torschützenkönig. Lange hat er mit Joshua Kimmich im Nachwuchs des VfB Stuttgart und in den U-Nationalmannschaften gespielt und sagt: „Ich war bei noch keinem Turnier, bei dem Timo nicht Torschützenkönig geworden wäre.“
Das dürfte bei der WM schwer werden, denn Timo Werner hat noch nicht getroffen. Allerdings hat sich seine Rolle gewandelt. Er ist stillschweigend vom Mittelstürmer zum Linksaußen geworden – zumindest, wenn (wie in der Schlussphase gegen Mexiko und in der zweiten Halbzeit gegen Schweden) Mario Gomez auf dem Platz ist. Der älteste Mann im Kader. Und sehr geachtet.
Marco Reus kommt von sich aus auf Gomez zu sprechen: „Mario ist mit seiner Präsenz auf dem Platz unheimlich wichtig für uns.“ Timo Werner schätzt den zehn Jahre älteren schwäbischen Landsmann aufgrund seiner Sozialkompetenz: „Er ist immer der Erste, der zu mir kommt, mir Tipps gibt.“ Gomez war es auch, der im Herbst 2017 vor dem WM-Qualifikationsspiel gegen Norwegen in Stuttgart massiv für eine freundlichere Wahrnehmung der Reizfigur warb – seitdem ist es ruhiger geworden.
Reus und Werner sind nun eine Waffe des Nationalteams. Offensivkräfte, die die Positionen wechseln, unberechenbar sind. Zweimal haben sie von Beginn an zusammengespielt (im Test gegen Saudi-Arabien und bei der WM gegen Schweden), „einmal hat er mir aufgelegt, einmal ich ihm“, so Werner.
Seine Beine, so meint er im Hinblick auf Mittwoch, seien wieder weitgehend sprint-. und laufbereit. „Ein, zwei Massagen – dann geht’s.“