München – Was haben ein Geldbeutel, das Smartphone, die Haustürschlüssel und Polens Starstürmer Robert Lewandowski gemeinsam? Alles Dinge, die verschwinden, wenn man sie gerade braucht. Dieser Witz kursierte gestern in den sozialen Netzwerken. Es ist nicht schwer, sich auszumalen, wer das sicher so gar nicht zum Lachen fand: Polens Starstürmer Robert Lewandowski, der bei der WM eher als der verhinderte Starstürmer Robert L. auftrat.
Die Polen waren ambitioniert angereist, wähnten sich als Favorit in der Gruppe H, träumten vom ersten Achtelfinale seit 1986 – und standen nach dem schauderhaften 0:3 gegen Kolumbien als das erste europäische Team fest, das die Koffer packen muss. Nach zwei Niederlagen ist das letzte Spiel gegen Japan lediglich eine Ehrenrunde. Eine Ehrenrunde für Männer, die unehrenhaft entlassen werden.
Teamkollegen wie gebrauchte Trabbis
Der Kapitän sprach nach dem Debakel in den Katakomben zwölf Minuten lang, machte vor jedem Mikrofon und jedem Notizblock Halt – er hatte viel zu sagen, und zwar ausnahmslos Schlechtes. „Aus nichts kann ich nichts machen“, motzte er, „es gibt keinen Spieler auf der Welt, der den Ball erobert, fünf Gegner und den Torwart ausspielt und dann noch ein Tor schießt.“ Man wird lange suchen müssen, um einen zu finden, der seinen Teamkollegen so die Meinung geigte wie Lewandowski, nicht mal von Zlatan Ibrahimovic sind solche Tiraden hinterlegt. Seine Mannschaft habe „nicht die fußballerische Qualität“, sagte er, und er hielt auch gestern mit einer Nacht Bedenkzeit an seinen schweren Vorwürfen fest: „Man konnte einen Klassenunterschied sehen.“
Er hatte nicht Unrecht, nur machte er sich keine Freunde. Coach Adam Nawalka handelte einst mit gebrauchten Trabbis, als diese noch Verkaufshits waren. Bei der WM in Russland aber stotterte sein Team erbärmlich, und so hatte Lewandowski keine Chance, sich zu entfalten. „Ich wäre wütend auf mich, wenn ich Möglichkeiten gehabt und sie vergeben hätte“, sagte er, „ich bin aber ein Stürmer, der von Vorlagen lebt.“ Auf der Gegenseite hatte James, beim FC Bayern sein Teamgefährte, die Kollegen zwei Mal so in Szene gesetzt, dass sie wunderbare Tore schießen konnten. Polen war bereits mit einer fatalen Statistik angereist: Seit der EM 2016 gewann die Elf kein Spiel, wenn Lewandowski nicht mindestens ein Tor geschossen hatte. Bei der WM hatte er in zwei Spielen gerade mal sechs Aktionen im Strafraum. Nichts ging.
Für Lewandowski, der bei zehn Auftritten bei einer EM oder WM bisher nur zwei Tore erzielen konnte, ist Polens Desaster auch ein persönliches. Es war klar, dass er das Turnier nutzen wollte, um im Sortiment der Stars einen besonders guten Platz zu ergattern. Viele Tore sollten Real Madrid restlos davon überzeugen, ihn vom FC Bayern loszueisen, notfalls eben für einen fabelhaften Betrag. Mit seiner Darbietung schreckte er nun aber alle möglichen Interessenten nachhaltig ab. Er wird nach seinem Urlaub wieder seinen Dienst in München antreten. Dort steht er noch bis 2021 unter Vertrag.
Laut „kicker“ hat Real dieser Tage sogar einen Vorstoß gewagt und den Bayern ein Tauschgeschäft angeboten: Karim Benzema für den Polen, doch die Bosse an der Säbener Straße waren an dem 30-jährigen Franzosen nicht interessiert. Benzema hat sich einen Ruf als Querulant erarbeitet. Da nimmt man dann doch lieber den Egomanen Lewandowski in Kauf, an dessen Ausreißer sich man ja irgendwie gewöhnt hat.
Nach dieser WM hoffen sie mehr denn je hinter den Kulissen an der Isar, dass Lewandowski die Zeichen der Zeit erkennt und in München endlich endgültig heimisch wird. Schon im August steht sein 30. Geburtstag an, in so einem Alter denken Profifußballer nicht mehr zwingend an einen Umzug, und die Beispiele Franck Ribery oder Arjen Robben zeigen dem Polen ja auf, dass ein sportlicher Lebensabend beim FC Bayern nicht das Schlechteste ist.
Kehrseite der Medaille: Die Fans in München sehen Lewandowski zunehmend skeptisch. Der Witz, dass er untertaucht, wenn man ihn dringend braucht, wie ein Schlüssel, Smartphone oder Geldbeutel, der kursierte in Fan-Foren besonders intensiv.