Spartak ist nicht Spartak – und auch Watutinki ist weit und breit

von Redaktion

Wenn wir alle fünf Jahre Abi-Klassentreffen haben, zitieren wir mit nostalgischer Begeisterung unseren alten Erdkundelehrer, der in der 7. Klasse den Komplex UdSSR behandelt hatte. Er schwärmte von der „Weijte und Breijte der Soffjetunion“, so klang das aus seinem Munde.

Die Weite und Breite von heute Russland erkennen derzeit bei der WM auch die internationalen Fans. Zwei Geschichten von Ortsverwechslungen, die bekannt geworden sind: Schweizer, die in Rostow am Dom zum Spiel waren und dort erfolglos das Hotel suchten, das sie gebucht hatten – das steht in Rostow Veliky bei Jaroslawl. 1500 Kilometer trennten Chinesen, die mit dem Zug nach Wologda gereist waren, vom eigentlichen Zielort Wolgograd. Klingt halt so ähnlich.

Es gibt auch einen dritten und vierten Fall, die hiermit publik werden. Verursacht hat sie – hüstel, hüstel – der Autor dieser Kolumne. Der mindestens zehnmal schon in Russland war und sich auskennen sollte. Das eine Malheur passierte in Moskau. Es sollte zum Spiel Argentinien – Island gehen. Im Spartak-Stadion. Heutzutage gibt man das bei Google Maps ein und nimmt den Routen- und bei öffentlichen Verkehrsmitteln den Verbindungsvorschlag an. Man hätte vielleicht stutzig werden können, dass die letzten fünf Stationen mit einem Bus statt der Metro zu absolvieren waren und nach der dritten Haltestelle die Straße nicht mehr perfekt asphaltiert war. Komisch auch: Bus vier Stunden vor dem Spiel fast leer, keine Gauchos, keine Wikinger, nur alte Einheimische. Das Spartak-Stadion war eine kleine naturbelassene Sportanlage. Eingeben müssen hätte man den großen Begriff Spartak – und klar: Es führt die Metro hin. Stationsname: Spartak.

Das war alles zeitig zu reparieren. Nichts passiert. Nahe am Fiasko war der erste Ausflug in den DFB-Ort Watutinki. Bei Google „Watutinki Hotel Complex“ gefunden, ich ließ mich von meinem usbekischen Privatfahrer (mittlerweile Ex-Privatfahrer) hinbringen. Er setzte mich ab, verschwand, ich versuchte, in die erstaunlich heruntergekommene Anlage einzudringen. Man musste von nichts, dass hier eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft und ein Medienzentrum sein sollten. Ich müsste vom alten ins neue Watutinki – „über die Autobahn drüber“. Verzweiflung, tickende Uhr. Einen einsamen Passanten in FC-Barcelona-Jacke angesprochen. Er rief mir ein örtliches Taxi.

Das wahre Watutinki muss man ansteuern mit „Recreation Complex Desna“. Jetzt weiß ich es. Und ich weiß: Watutinki, offiziell ein Dorf mit nur 10 000 Einwohnern (geballt in Hochhäusern), ist auch ziemlich weit und breit. Nächstes Klassentreffen ist 2021. Ich werde davon erzählen. Wir werden lachen wie früher in Erdkunde. Günter Klein

Artikel 1 von 11