Volles Rohr

von Redaktion

Der ehemalige Bayern-Spieler ist neben Joachim Löw der einzige deutsche Trainer bei der WM – und peilt mit Nigeria das Achtelfinale an

VON ANDREAS WERNER

München – Gernot Rohr ist kein Mann, der sich von großen Schlagzeilen leiten lässt. Als er als junger Mann 1972 einst zum FC Bayern kam, erlitt er gleich in einer der ersten Trainingseinheiten eine Verletzung. Er musste unters Messer, und als er im Krankenhaus aus der Narkose erwachte, lag auf seinem Bauch die Zeitung des Tages. „Rohrs Karriere schon beendet“, las er dort in großen Lettern. Er wunderte sich sehr; die Verletzung war nichts Wildes, die Operation problemlos verlaufen. Zwei Jahre spielte er für den Rekordmeister, wechselte dann zu Offenbach und lief danach für Girondins Bordeaux auf. Über 350 Mal.

Dieser Tage hat er mal wieder Schlagzeilen produziert, sehr positive, denn mit dem 2:0 über Island hat er als Trainer von Nigeria heute die große Chance, sich fürs Achtelfinale der WM in Russland zu qualifizieren. Neben Joachim Löw ist er der einzige deutsche Coach bei diesem Turnier, der 64-Jährige hat sich nach dem Ende seiner aktiven Karriere vor allem in Afrika einen Namen als Übungsleiter gemacht. Bevor er im August 2016 installiert wurde, hatte er bereits Gabun, Niger und Burkina Faso gecoacht. Rohr, wohnhaft in Cap Ferret an Frankreichs Atlantikküste und verheiratet mit einer Frau aus Madagaskar, hat ein Gespür für die afrikanische Fußballseele entwickelt.

In Nigeria wissen sie, was sie an ihm haben. Sein Vertrag wurde vor dem Turnierstart bis 2020 verlängert, und um zu begreifen, wie außerordentlich das ist, muss man nur wissen, dass in den zwei Jahren vor ihm mal eben ganze fünf Trainer verschlissen wurden. Die Nationalelf von Afrikas bevölkerungsreichstem Land zu coachen, ist eine Herkulesaufgabe. Rohr führte neue Strukturen ein, verjüngte das Team und stellte die sechste WM-Teilnahme sicher. Von 15 Spielen verlor er nur drei. Argentinien, heute der Gegner im finalen Duell um den Einzug in die nächste Runde, schlugen seine Nigerianer vor einem halben Jahr bei einem Test in Russland 4:2. Nach einem 0:2-Rückstand. Allerdings fehlte da ein gewisser Lionel Messi.

Rohr tüftelt seit Tagen an einer Strategie, wie man die Südamerikaner auch mit ihrem Superstar schlägt. Schon nach der Rückkehr im Teamquartier nach dem Triumph über Island schaute er sich um drei morgens noch die Partie der Argentinier gegen Kroatien an. Woher er den Antrieb nimmt, wurde er vom „kicker“ gefragt. „Mit jedem Sieg wird man jünger“, antwortete der frühere Profi, der es sich eigentlich am Fuß der „Dune de Pilat“ gutgehen lassen könnte; er betreibt dort mit seiner Frau ein Hotel, das 50 Gästen Platz bietet.

Gekauft hat er sich das Schmuckkästchen 1997, als er als Trainer von Girondins Bordeaux bis ins Finale des UEFA-Cups vordrang. Er befehligte Zinedine Zidane und Bixente Lizarazu, beide waren noch jung, das Endspiel ging gegen die Bayern verloren. Die Schlagzeilen irritierten ihn damals nicht, und auch jetzt in Russland lassen sie ihn kalt. Das Motto muss „volles Rohr“ lauten – ganz egal, was geschrieben wird. Oft geht es ja sogar dann erst richtig los, wenn einen keiner auf der Rechnung hat. Rohr hat das schon früh gelernt.

Artikel 1 von 11