WM-GESPRÄCH MIT . . . Fritz von thurn und taxis

„Die deutsche Mannschaft versinkt in der Wolga“

von Redaktion

-Wie haben Sie das deutsche Aus erlebt?

Ich habe zuhause geschaut und muss sagen, bei diesem Turnier ist man ohne Kreislauftropfen nicht zurechtgekommen. Das ging in allen drei Spielen an die Nerven. Für mich wäre die Überschrift dieses Spiels: „Die deutsche Mannschaft mit all ihren Hoffnungen versinkt in der Wolga.“

-Können Sie so kurz nach dem Spiel schon fassen, was in Kasan passiert ist?

Ich kann es schon nachvollziehen, ja. Ich hatte von Beginn an nicht das überragende Gefühl. Man hat sich immer eingeredet, dass es besser wird, aber ein zweites Wunder wie in Sotschi konnte man einfach nicht erwarten. Und man konnte es auch statistisch unterfüttern: Wenn du in sechs Halbzeiten ein einziges Tor aus dem Spiel heraus erzielst, und dann noch mit dem Knie (Anm. d. Red.: Reus gegen Schweden), dann ist das zu wenig. Allerdings ist es schon erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Deutschland bei diesem Turnier die meisten Torabschlüsse hatte. Vor diesem Spiel über 40, jetzt werden es über 50 sein. Da kannst du nicht sagen, es war fehlendes Spielglück. Natürlich hätte der eine oder andere reinrutschen können, aber insgesamt hat die Mannschaft schon seit Monaten kein gutes Spiel mehr gemacht.

-Wie ein Weltmeister ist sie nie aufgetreten.

Man hat diese Unruhe gespürt, diese Unsicherheit, diese Hemmungen. Und dieses pomadige Spiel, das man auch jetzt wieder in der ersten Halbzeit gesehen hat. Da hat man gemerkt, dass die Mannschaft insgesamt nicht stabil war. Wenn dann noch Mats Hummels der beste Spieler ist in einer Partie, in der wir zwei Tore schießen müssen, hat das natürlich Aussagekraft.

-Vor einem Jahr war Deutschland noch das Team, das aus Weltmeistern und etlichen Talenten schöpfen konnte. Der Optimismus schien berechtigt. Was ist seitdem passiert?

Es waren zu viele Spieler nicht in Form. Wenn Sie Müller nehmen, Özil oder Khedira, dann sind es schon mal drei ganz wichtige. Jogi Löw musste immer wieder wechseln, hat das auch heute ganz bewusst gemacht. Wir haben ja wieder eine ganz neue Achse gehabt. Es hat sich da nie eine Mannschaft herauskristallisiert. Und vielleicht haben wir es uns auch schöngeredet in den letzten Wochen und Monaten. Wie gesagt: Ein richtig gutes Spiel gab es nicht.

-Wie lange haben Sie geglaubt, dass es gegen Südkorea noch klappt?

Ich habe immer auf das Parallelspiel geschaut, da war mir klar, dass es keine Rechenspiele geben wird. Es ging um ein einziges Tor. Ich war aber immer in Unruhe, weil ich gesehen habe, wie quirlig die Südkoreaner waren. Wenn die ein bisschen konzentrierter gewesen wäre, wären wir ja schon längst weg gewesen. Natürlich hatte ich diesen Gedanken: Vielleicht gibt es ein zweites Wunder. Aber wie gesagt: Diese Hemmungen, diese Unwucht waren ja über drei Spiele zu sehen. Diese Mannschaft war schon willig, aber es hat einfach die Qualität nicht gereicht.

-Nach so einem Turnier werden grundsätzliche Fragen gestellt. Vor allem über den Trainer.

Joachim Löw wird sich das gut überlegen. Als erster Bundestrainer, der in der WM-Vorrunde ausscheidet, wird er sich schon fragen: Kann ich das mit meinem Ehrgefühl vereinbaren oder sollte es ein Anderer machen? Ich könnte mir vorstellen, dass er sich diese Fragen stellen wird.

-Haben Sie eine Idee, wie er sie beantwortet?

Nein. Wir haben andere Bundestrainer gesehen, die nach einem Ausscheiden gegangen sind. Aber so viele Gründe gibt es nicht zu gehen, weil wir ja erfolgreiche Weltmeisterschaften gespielt haben. Ich glaube, dass Joachim Löw sehr mit sich ringen wird.

-Wie werden Sie jetzt die WM verfolgen?

Ich habe bisher nicht so furchtbar viel geschaut, weil für mich die WM erst mit dem Achtelfinale beginnt. Ich werde mir die eine der andere interessante Partie herauspicken. Ohne Kreislauftropfen.

Das Gespräch führte Marc Beyer

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