Die Mittelfinger des Fußballgotts

von Redaktion

Diego Maradona präsentiert sich im Stadion auf ebenso bizarre wie besorgniserregende Weise

St. Petersburg – Die Frage, die sich niemand zu stellen wagte, beantwortete Diego Maradona am Morgen danach. „Diego wird noch eine Weile da sein“, versprach der einstige Weltklasse-Fußballer, der in Argentinien von vielen immer noch wie ein Fußballgott verehrt wird, gestern via Instagram. Der Auftritt des 57-Jährigen am Rande des WM-Spiels zwischen seinen ins Achtelfinale eingezogenen argentinischen Fußball-Erben und Nigeria (2:1) hatte für eine Mischung aus Mitleid, Sorge, Entsetzen und Fremdschämen gesorgt.

Vor allem entfachte die skurrile Show aber auch neue Fragen nach dem Gesundheitszustand der Kicker-Legende. Völlig erschöpft und einem Zusammenbruch nahe, musste er sich in einen Sessel in der VIP-Loge von Helfern bringen und dort ärztlich behandeln lassen. Als reiche seine Krankenakte nicht schon: 2000 wurde ein Herzleiden festgestellt, verursacht durch Kokainkonsum. Entziehungskuren, Magenverkleinerungen, das alles hat Maradona in seinem bewegten Leben bereits hinter sich.

Nach Maradonas verstörenden Auftritt in St. Petersburg sagte Englands Ex-Nationalspieler Rio Ferdinand als Experte der BBC: „Es war traurig, ihn so zu sehen.“ Sein Kollege Gary Lineker fügte an: „Dieser Jubel war unterstes Niveau.“ Die Zeitung „Lance“ aus Brasilien sah einen „Maradona im Delirium“, die österreichische „Kronen-Zeitung“ einen „durchgeknallten Maradona“. Die britische „Daily Mail“ schrieb von einer „burlesken Show“ und bezeichnete den Weltmeister-Kapitän von 1986 als „eine bizarre und leicht tragische Figur“.

Bei der Partie in St. Petersburg begann es noch sehr unterhaltsam, als Maradona eine Nigerianerin im Trikot zu sich in die Loge bat und von den Fans bejubelt ein Tänzchen mit ihr aufführte. Nahezu sämtliche Zuschauer im direkten Umkreis hielten die Szene per Handy fest. In den sozialen Netzwerken wurd der Tänzchenfilm in kürzester Zeit zum Renner.

Während des Matches gestikulierte Maradona wild. Er lehnte sich wie ein Messias mit ausgebreiteten Armen über die Brüstung. Mehrmals musste er von einem Begleiter von hinten umklammert werden, um nicht vorneüber zu kippen. Die Fußball-Legende hielt ihren nackten Bauch in die Kamera, döste kurz einmal weg und reckte dem Publikum am Ende mit weit aufgerissenem Mund und fast wie von Sinnen beide Mittelfinger entgegen. „Die Hand Gottes“, so Maradonas Spitzname seit dem Hand-Tor bei der WM 1986, schien völlig zu entgleisen.

Maradona bemühte sich am Tag danach um Normalität. „Ich möchte Ihnen sagen, dass es mir gut geht“, schrieb er gestern. Er versicherte, er sei nicht im Krankenhaus gewesen. Er habe lediglich in der ersten Halbzeit Nackenschmerzen gehabt und eine Dekompensation erlitten. Ein Arzt habe ihm empfohlen, ins Hotel zu gehen. „Aber ich wollte bleiben, weil es für uns um alles ging. Wie hätte ich da gehen können?“  dpa

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