Folgen Sie mir auf einen Ort, den man üblicherweise nicht in Gesellschaft aufsucht: Denn er soll still sein, dieser Ort. Er ist eigentlich auch nur ein Örtchen.
Auch hier gilt, wie in vielen Bereichen: Russland verwestlicht. Meine erste dienstliche Reise hatte mich 1984 in die UdSSR geführt, eine Woche ging ich jeden Tag in den Luschniki-Eispalast, um das Eishockeyturnier um den Iswestija-Cup zu verfolgen. Das Problem war: Nichtvertrautheit mit russischer Toilettenkultur. Damals dominierte das Hock-Klo. So konstruiert, dass man nicht absitzen konnte; man musste in die Abfahrtshocke gehen. Und schnell zum Abschluss kommen, weil’s anstrengend ist. Keine Spur von Gemütlichkeit. In Russland wurde und wird auf dem Häuschen auch keine Zeitung gelesen. Die Hock-Toilette habe ich – man muss es so sagen – technisch nicht gemeistert, zudem fand ich die weitgehende Absenz von Papier irritierend. Das Geschäft wurde bis zur Rückkehr ins Hotel verschoben.
Im heutigen Russland erscheint diese alte Toilettenform ausgestorben zu sein – obwohl sie die gesündere war: kein Kontakt mit versauten Klobrillen und eine Körperhaltung, die dem Dickdarm entgegenkommt (so steht es in einem Fachbeitrag auf Wikipedia). Jetzt hat Russland an öffentlichen Orten Klos, wie wir sie kennen. Der einzige Unterschied: Man spült Papier nicht mit runter, sondern legt es in einem Korb ab.
Wo Russland sich ebenfalls angepasst hat: Es macht ein Geschäft mit dem Geschäft. Neulich in Moskau beim obligatorischen Besuch des Kaufhauses GUM musste ich mal – und landete in einem seelenlosen McNochwas-Betrieb mit Bezahlschranke (50 Rubel). Großer Andrang dennoch: Kolumbianische Fans erledigten am Waschtisch Zahnpflege und Rasur.
Weil sie halt den Geheimtipp nicht kannten. Im GUM der Wegweisung zu den „Historischen Toiletten“ folgen! Nein, das sind nicht die alten Hock-Steh-Kloaken, das ist inzwischen ein Wellnesstempel.
Luxusklos (zum Sitzen, Holzbrille), integriert in eine Marmor-Landschaft, die Wasserhähne golden. Es gibt einen Empfangstresen, an dem man mit einer Verbeugung begrüßt wird und ein Handtuch ausgehändigt bekommt, da gibt man statt der geforderten 84 Rubel gerne und umgehend 100.
Die „historischen Toiletten“ im GUM gab es schon im 19. Jahrhundert, sie waren ein Treffpunkt der feinen Gesellschaft. In der Zeit des Sozialismus wurden sie geschlossen, sie galten als bourgeois. In den vergangenen Jahren wurden sie mit Millionenaufwand renoviert. Kultursubvention, denn es kommen im Regelbetrieb nur um die hundert Leute am Tag.
Besonderheiten, die man noch erwähnen sollte: Das Toilettenpaper wird aus Japan importiert, Kinder, Senioren und Invaliden müssen nichts bezahlen, Frauen dürfen ihren Hund mitbringen, um ihn zu waschen. Man kann hier auch duschen (500 Rubel = 7 Euro). Aber das müssen nicht alle wissen, die gerade in Moskau herumlaufen. Günter Klein