Munition für die Abrechnung

von Redaktion

Weltmeister draußen – Neuer: „Im Achtelfinale wären wir ein leichter Gegner gewesen“ – Bleibt Löw?

Kasan – Was bleiben wird, ist, wie es endgültig und unwiderruflich kippte zu Beginn der Nachspielzeit. Wie nach einer Ecke für Südkorea der Ball im deutschen Tor landete, der Außenseiter jubelte, aber zurückgepfiffen wurde. Abseits, kein Tor! Entrüstung im Stadion, Ungerechtigkeit, ein abgekartetes Spiel, von oben angeordnet, um der Attraktion Deutschland die Möglichkeit zu geben, doch noch irgendwie im Turnier zu bleiben?

Dann aber die Geste, die in Zeiten des Video Assistant Referees Gerechtigkeit verheißt: der in die Luft gezeichnete Bildschirm. Der Schiedsrichter schaute sich das an – und bekam Klarheit: Reguläres Tor, 1:0 für Südkorea. Am Tag zuvor war Joachim Löw noch um seine Meinung gebeten worden, wie er zur VAR-Auslegung bei der WM stehe. „Ich finde, dass es hier gut gemacht wird“, sagte er, „ich war schon immer dafür.“ Nun brachte der Videobeweis den entscheidenden Rest Klarheit: Deutschland, das große Deutschland, Weltmeister, Confederations-Cup-Sieger, wird das nicht mehr umbiegen können. Es wird so etwas wie den Toni-Kroos-Moment am Samstag gegen Schweden nicht geben. Ein schnödes 1:0 hätte genügt zum Weiterkommen.

Es war nur noch Verzweiflung, dass die Deutschen inklusive Manuel Neuer weiter nach vorne rannten, sie fingen sich noch ein „Empty-net-goal“, das 0:2 – und sie beendeten die Vorrundengruppe als Letzter. Dabei war die Frage immer nur gewesen: Werden wir Erster oder Zweiter, fahren wir als nächstes nach St. Petersburg oder Samara? Nun fährt/fliegt man nach Frankfurt. Nach Hause. Geschlagen, gedemütigt. Thomas Müller weinte.

„Die Enttäuschung ist riesengroß“, sagte Joachim Löw. Es steckt in ihm als Trainer drin, dass er sofort nach Gründen sucht, warum das alles so gekommen ist. „Uns hat die Leichtigkeit gefehlt, auch die sportliche Klasse, die Dynamik im letzten Drittel, mit der wir normal dann auch zu Toren kommen.“ Doch man spielte sich auch gegen Südkorea fest. Zwei der drei Partien blieb die DFB-Elf torlos, von den zwei Treffern gegen Schweden war eines ein Standard.

Wann hat das Turnier begonnen, in die falsche Spur zu geraten? Schon nach der souveränen WM-Qualifikation, als man sich der WM-Sache zu sicher fühlte? Mit dem gegen Brasilien verlorenen Test im März in Berlin? Mit der Erdogan-Affäre von Özil und Gündogan? Im Trainingslager in Südtirol?

Sicher und spätestens mit dem Match gegen Mexiko, als die Mannschaft eine Halbzeit völlig irritiert auf dem Rasen stand. „Selbstherrlichkeit“ erkannte Löw bei seinen Spielern. Er fing mit einer personellen Rotation an, sie setzte sich auch gegen Südkorea fort, weil er immer noch an seinem großen Plan festhielt, dass man sieben Spiele in Russland bestreiten würde. „Ich wollte noch einmal Impulse geben“, erklärte der Bundestrainer, warum er Özil und Khedira zurück ins Team gebracht hatte. „Wir hatten auch Sperren und Verletzungen.“

Ja, Löw hat sich auch vercoacht – sofern man überhaupt sagen kann, er hätte gecoacht. „Ich übernehme die Verantwortung“, sagte er in der Pressekonferenz nach dem 0:2 in Kasan, aber er wollte nicht sagen, wie das aussehen könnte. Er müsse das jetzt auch sacken lassen, „mir ein paar Stunden Zeit nehmen“. Das wurde schon gedeutet als Ankündigung eines nahenden Rücktritts, Manager Oliver Bierhoff relativierte umgehend: „Das ist immer so gewesen nach Turnieren, dass Jogi in sich geht.“ Der Nationalmannschaftsmanager meint, eine Analyse müsse mehrteilig sind, „auch im Erfolg gibt es nicht die eine Aktion, von der man sagt: Sie war es.“ Bierhoff meint: „Ich bin guter Dinge, dass Jogi im September, wenn es weiter geht, wieder angreifen wird.“

Wirklich? Nun stehen dem deutschen Fußball erst mal lange Tage der Nachbereitung bevor – für die auch einige Spieler schon die Munition geliefert haben. Julian Draxler war so offen zu sagen, „dass man schon im Training gemerkt hat, dass die Atmosphäre einfach nicht so war wie vor vier Jahren.“ Damals war er auch schon dabei.

„Keiner hat seine Leistung abgerufen – außer Manu“, sagte Sami Khedira. Der gelobte Neuer fand: „Im Achtelfinale wären wir für jede Mannschaft ein willkommener Gegner gewesen.“

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