WM-Gespräch mit . . .  Lisa Fitz

„Die Weltmeister waren lahm – ohne Lahm“

von Redaktion

-Viele Fans sind jetzt, nach dem frühen Aus des DFB-Teams, der Meinung, den Deutschen habe der Siegeshunger gefehlt. Sehen Sie das genauso?

Es sagt sich zwar leicht, aber beim Sport ist es nun einmal grundsätzlich so: Einer von beiden verliert am Ende. Damit muss jede Mannschaft rechnen, auch die deutsche. Aber, um Ihre Frage zu beantworten: Ich glaube nicht, dass es am Willen gefehlt hat. Eher daran, dass wichtige Spieler aus dem Weltmeisterteam von 2014 nicht dabei waren – ich denke da an Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger. Ich habe auch bei den anderen Spielen des Tages zugeschaut. Alle Teams waren temperamentvoller als die Deutschen, sogar die Schweizer. (Lacht.) Die Weltmeister waren lahm – ohne Lahm. Aber, ganz ehrlich, ich freue mich auch immer ein bisschen, wenn die Außenseiter gewinnen. Und in Anbetracht der erfreulichen Entwicklungen zwischen den beiden Koreas fand ich den Triumph der Südkoreaner irgendwie schön.

-Einige sagen nun auch: „Es liegt am Trainer!“ Sollte Joachim Löw zurücktreten?

Es kann schon sein, dass er ein bisschen müde geworden ist. Vielleicht ist es für einen Trainer noch schwieriger, einem großen Titel einen weiteren folgen zu lassen. Wenn ein Autor einen Bestseller schreibt, erzeugt das ja auch einen unglaublichen Druck. Er soll quasi seinen eigenen Erfolg übertreffen, das ist immer schwer.

-In den vergangenen Tagen wurden immer wieder Parallelen gezogen zwischen dem Bundestrainer und der Bundeskanzlerin. Haben beide den richtigen Zeitpunkt für ihren Abgang verpasst?

Da muss ich jetzt vorsichtig sein – ich bin ja auch in einem Alter, in dem man mir sagen könnte: „Mach’ doch Jüngeren Platz!“ Es gibt Menschen, die wie alter Wein mit den Jahren immer besser werden, die durch ihre Erfahrung überzeugen. Andere werden müde, und bei Angela Merkel habe ich den Eindruck, dass sie müde ist. Sie hat keine Überzeugungskraft mehr, sie speist ihre Wähler mit Plattitüden ab, und dieses Wortphlegma hat sich über das ganze Land gelegt. Was Angela Merkel angeht, so gehöre ich schon länger ganz klar zu denen, die sagen, dass sie gehen soll.

-Und Jogi Löw?

Erfahrung ist schon viel wert. Ich selbst bin in einer Familie aufgewachsen, in der man Respekt vor dem Alter hatte und von den Älteren lernen wollte. Deswegen finde ich es übrigens auch seltsam, dass einer wie Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, der nicht einmal eine richtige Partei hinter sich hat, nun plötzlich in der Welt mitredet. Und was nun Jogi Löw betrifft – vielleicht ist es so wie in einer langjährigen Ehe, wo einen vieles nervt, aber es doch keine echte Alternative gibt. Meine Eltern hatten mal ’ne Krise, meine Mutter wollte meinen Vater verlassen, und der hat dazu nur gesagt: „Naa, des machma ned, des lohnt si nimmer!“ (Lacht.)

-Ein „Tagesthemen“- Kommentator meinte, nun, da die Deutschen raus seien, sollte man kritisch auf Russland schauen. Da nutze der Präsident die WM dazu, sein ramponiertes Image aufzupolieren, und auf der anderen Seite würden die Arbeiter, die die Stadien gebaut haben, bis heute auf ihren Lohn warten.

Das finde ich ganz dumm. Bei uns gibt es auch flaschensammelnde Rentner und 2,7 Millionen Kinder in Armut. Jedes Land investiert doch viel Geld, um ein solches Ereignis stemmen zu können, das ist in Russland nicht anders als in Brasilien vor vier Jahren. Und natürlich profitiert auch die Bevölkerung, nicht nur die Regierung, von einem solchen Ereignis. Ich halte die aktuelle Politik des Westens gegenüber Russland für eine Katastrophe. Auf jede angebliche Völkerrechtsverletzung Russlands kommen 20 Völkerrechtsverletzungen der USA. Ich jedenfalls ergreife so lange Partei für Russland, bis sich hierzulande wieder eine Politik durchgesetzt hat, die frei von Vorurteilen ist.

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann

Artikel 1 von 11