Entschleunigung im Turnier-Urlaub

von Redaktion

Ich werde das Gesicht meines Chefs nie vergessen. Es war im Januar 2006, er stand vor dem Urlaubsplan der Politikredaktion, als ich ihn fragte, ob ich mir ab dem 8. Juni vier Wochen freinehmen dürfe. Neugierig erkundigte sich der feine Herr mit Adels- und Doktortitel nach dem Ziel meiner Weltreise. Ich aber antwortete: „Ich bleibe zuhause und schaue Fußball.“ Selten hat mich jemand so verständnislos angeschaut. Aber er gewährte großzügig meinen Urlaubsantrag. Und als ich ein Sommermärchen später im Juli wieder braun gebrannt an meinem Schreibtisch Platz nahm, kam er gleich anerkennend zu mir. „Ich hab Sie ja für verrückt gehalten. Aber rückblickend haben Sie wirklich alles richtig gemacht.“

Damit fing alles an.

Dieser Tage nehme ich mir nun zum siebten Mal während eines großen Fußballturniers frei. Und noch immer schwanken die Reaktionen zwischen offenem Unverständnis und heimlichem Neid. Um ehrlich zu sein: So wie 2006 war es natürlich nie wieder. Ich durfte Philipp Lahms unvergessliches Eröffnungstor gegen Costa Rica live im Stadion erleben. Tags darauf feierte ich mit 40 000 Mexikanern in Nürnberg ein, nun ja, fulminantes 1:1 gegen den Iran. Oder war es 2:2? Egal. Wiederum zwei Tage später trank ich mit tschechischen Bauarbeitern in einer Schalker Spelunke nach dem Sieg über die USA bis drei Uhr nachts – ehe ihnen einfiel, dass sie ja am Morgen arbeiten mussten. In Prag! Und ich erlebte 25 000 feierwütige Schweden in Berlin, die sich endlich einmal Alkohol leisten konnten.

So eine Party lässt sich schwerlich wiederholen. Muss sie auch gar nicht. Meist ist die Weltmeisterschaft weit weg. Und wen zieht es schon in Putins Russland oder gar in vier Jahren nach Katar? Da bleibe ich lieber daheim auf meiner Terrasse. WM heißt heute für mich: Entschleunigung. Sollen die anderen doch hunderte Euros für Wellness ausgeben! Ich gehe morgens an der Isar laufen, lege mich mittags mit einem guten Buch in die Sonne und schaue dann Saudi-Arabien gegen Ägypten oder Panama gegen Belgien. Das strukturiert den Tag, hat etwas Meditatives – manchmal schläft man auch einfach ein. So gestärkt kann man dann abends zum England-Spiel in den Irish Pub, zum Portugiesen und Spanier. Was der Spielplan halt hergibt. Den sich an dieser Stelle aufdrängenden Pizzeria- und Italiener-Witz spare ich mir angesichts des deutschen Abschneidens besser. Das deutsche Aus gegen Südkorea habe ich – wie es sich für 16 Uhr gehört – ganz klassisch mit Freunden bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer geschaut. Gut, danach gab es einen Schnaps!

Mein Chef von damals ist heute in Rente. Nun herrsche ich über den Kalender der Politikredaktion. Und wie es der Teufel will, endet die Auszeit mit dem Achtelfinale am Dienstag. Nun, am Freitag gibt es dann nochmal einen freien Tag. Viertelfinale. Auch ohne Deutschland darf man das nicht verpassen.

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