Moskau – Wer Anfang Juni eine deutsche Buchhandlung betrat, der musste es bemerken: Die Weltmeisterschaft 2014 ist eine Geschichte aus der Vergangenheit, die schön war, aber nichts mehr zählt. Die WM 2014 lag auf den Sonderverkaufsflächen, was ein etwas besseres Wort ist für „Ramsch“.
Paul Ripke heißt der Fotograf, den der DFB vor vier Jahren ganz nah an sich herangelassen hat, er hat wahrhaft großartige Bilder gemacht und in einem Buch (es gab auch eine Ausstellung dazu) zusammengefasst. Fotos, die keine Texte mehr benötigen, weil sie schon alles erzählen. „One Night in Rio“, ein deutsches Geschichtsbuch. Es kostete 99 Euro, es hielt seinen Preis lange, die Exklusivität, die Qualität rechtfertigten das. Und dann auf einmal: Preisverfall, reduziert auf unter 15 Euro. Brasilien war vorbei.
Der Trainer hat sich zum ungreifbaren Star entwickelt
Ein „One Night in Moscow“ wird es nicht geben. Noch nicht einmal „One Night in Kasan“, denn in der Nacht nach dem WM-Aus 2018 war die Nationalmannschaft mit ihren neun Weltmeistern von damals schon weg. Zurück im Quartier Watutinki. Und „One Night in Watutinki“? Wirklich nicht.
Oliver Bierhoff, der schneidige Nationalmannschafts-Manager, ist bereits in Sotschi, als man vor dem Schweden-Spiel stand und ein frühes WM-Aus deutlich drohender vor Augen hatte als später vor Südkorea, gefragt worden, ob ein Scheitern denn die ganze seit 2004 geleistete Arbeit zunichte mache. Die Frage kam von einem Journalisten, den Bierhoff schätzt – doch diesmal wurde er pampig: „Was sollte das bedeuten, wenn wir einmal ein schlechtes Turnier spielen? Dass wir etwa nicht mehr Weltmeister waren? 2014 nimmt uns keiner.“ Zur Argumentationslinie zählt auch: Keine andere Nation hat diese Konstanz. „Seit 2005“, sagt Bierhoff, „in jedem Turnier unter den besten Vier“. Es waren drei Welt- und Europameisterschaften, zwei Confederations-Cup-Teilnahmen.
Doch irgendwas muss schief gelaufen sein in den vergangenen Jahren, spätestes seit 2014. Aber was?
Die Spurensuche muss in viele Abteilungen des deutschen Fußballs führen: Vereine, Verband, ins Auswahlteam, zu den Trainern.
Man fängt gerne oben an, in diesem Fall bei Jogi Löw. Im Vorfeld der WM erschienen wieder ein paar Elogen über diesen höchst (oder wie er sagen würde: högschd) erfolgreichen Trainer. Eine oberste Instanz, die manchmal in einem Stadion sitzt, wenn ein deutscher Spitzenvertreter im Europacup ausgeschieden ist. Gelassen steht Löw dann vor einer Fernsehkamera, und die Zuschauer denken: Unter seiner Leitung wäre das nicht passiert. Jogi ist souverän, am Ende gewinnt immer er, und wenn nicht, wie in vielen Freundschaftsspielen, dann ist Gewinnen einfach nicht wichtig gewesen.
Löw, so sagten es jetzt sein ehemaliger PR-Berater Roland Eitel und der frühere DFB-Pressesprecher Harald Stenger, habe die Gabe der fairen Menschenführung. Druck, den er selbst bekommt, würde er nie nach unten ableiten – so geht modernes Management.
Doch ohne unfreundlich zu werden, hat Löw sich zum nicht mehr greifbaren Star entwickelt. In Eppan, im WM-Trainingslager, war der Spiegel-Reporter Markus Feldenkirchen, ausgezeichnet als Journalist des Jahres für seine Story über Martin Schulz, den SPD-Kanzlerkandidaten, den er durch einen kompletten Wahlkampf begleitet hatte – es war die wichtigste und beste politische Reportage, die in Deutschland wohl jemals geschrieben wurde. Schulz hatte sich Feldenkirchen geöffnet. Löw zierte sich über Tage; erst kurz vor der Abreise aus Südtirol bekam der Spiegel-Mann eine kurze Audienz.
Im DFB traut sich keiner, Löw zu widersprechen
Auch wenn Löw noch immer Jogi ist, keiner im DFB traut sich, Widerspruch zu leisten. Der Bundestrainer hat alles bestimmt. Er war selbst mal ein starker Assistent, als er 2004 unter Jürgen Klinsmann anfing. Löw will aber keinen Löw neben sich. Er hat jetzt Thomas Schneider und Marcus Sorg, zwei in der Bundesliga gescheiterte Trainer, an seiner Seite sitzen. Sie versuchen, sich anzuziehen wie Meister Jogi und nicht weiter unangenehm aufzufallen.
Joachim Löw ist – wie jeder vor ihm in seinem Amt – angewiesen auf die Arbeit anderer. Er kann nur wenig beeinflussen, wie gut die Spieler sind, die er bekommt.
Die Spieler sind besser geworden. Das hat mit der professionellen und aufwendigen Ausbildung in Deutschland zu tun. Mit einem dichten Scouting. Kein Talent soll unentdeckt bleiben, denn es lässt sich viel Geld verdienen mit den Hochbegabten. Sie sind die neuen Aktien, sie offerieren Wertsteigerungen um Tausende von Prozenten.
Vor knapp 20 Jahren hat man in Deutschland begonnen, die Profivereine zu verpflichten, dass sie Nachwuchsleistungszentren (NLZ) aufbauen. Mit hauptamtlichen Trainern, wenn es sein muss mit Internatsplätzen. Man schafft eine Profiwelt für Kinder.
Es war ein gutes System, weil es die jungen Spieler technisch hervorragend ausgebildet hat. Doch das System ist an seine Grenzen gestoßen.
Mehmet Scholl, der frühere Nationalspieler, formulierte es drastisch. Die Spieler würden zu sehr geformt, „sie können mehrere Systeme rückwärts furzen“, aber man lasse sie nicht mehr spielen. Sie würden so das Dribbeln verlernen, das Spiel Eins gegen eins. Wer aber keine Individualität entwickeln könne, nicht über einen freien und manchmal rebellischen Geist verfüge, werde keine Titel gewinnen.
Mittlerweile sieht man das auch im DFB so. Frank Kramer, Trainer der U20-Nationalmannschaft, bemängelt, dass viele junge Trainer, die im Nachwuchsbereich gut aufgehoben und wertvoll wären, schnell ins Licht des Profifußballs wollen. Julian Nagelsmann und Domenico Tedesco sind die Vorbilder, Bundesliga-Coaches mit Anfang dreißig. Kramer: „Junge Trainer wollen sich mit dem Erfolg ihrer Mannschaften im Jugendbereich für weiter oben empfehlen – dabei bleibt die Förderung einzelner Spieler auf der Strecke.“
Mit Fußball wird brutal viel Geld umgesetzt. Dank der Fernsehverträge streichen selbst Bundesliga-Mittelklasseclubs zwischen 40 und 50 Millionen Euro pro Jahr ein. Dennoch: Die Kluft zu den großen Vereinen wächst, weil die Champions League noch reicher macht. Die guten Spieler ballen sich bei den Branchenführern.
Aus dieser Not ist in der Bundesliga eine neue Spielweise entstanden: das Reagieren, das reine Umschalten. Verhinderungsfußball. Doch zielführend. Eine Auswertung der Bundesliga-Hinrunde 2017/18 hat ergeben, dass erstmals die Mannschaften mit weniger Ballbesitz mehr Spiele gewannen. Selbst Vizemeister Schalke ist eine reagierende Mannschaft, keine agierende. Ein Fanal für den Fußball, den eine Mannschaft wie eine Auswahl Deutschlands spielen sollte. Die WM hat gezeigt: Ihr sind die Strategien ausgegangen, sie kann einen Gegner nicht einfach so ausspielen. Noch nicht mal Südkorea.
Im europäischen Vergleich fällt die Bundesliga ab
In den europäischen Wettbewerben haben die deutschen Vereine die Quittung bekommen. Die Saison 2017/18 war die schlechteste seit langem, allein der FC Bayern bleibt eine verlässliche Größe. Aber er erreicht das Finale auch nicht mehr. Das Ausscheiden gegen Real Madrid wirkte sich auf die Stimmung der Münchner Spieler aus. Ihre Saison war im April zu Ende – auch nicht gut für die Nationalmannschaft, wenn man einen Bayern-Block als Kern hat.
Schließlich wären noch die Probleme des DFB. Sommermärchen 2006, die Nachwirkungen einer womöglich gekauften WM, erdrückende Steuernachzahlungen. Dazu steht der Bau der Akademie an, demnächst wird der Grundstein gelegt für den Mix aus neuer Zentrale und, wie Oliver Bierhoff es beschreibt, „Think-Tank des Fußballs“. Eine Art Uni. Der DFB-Direktor Bierhoff hat Wissenschaftler eingestellt, Psychologen, alles dient der Optimierung des Fußballs in Deutschland, er spricht von den Möglichkeiten, die „Künstliche Intelligenz und Machine Learning bieten werden“.
Das klingt kalt, das klingt abgehoben. Es ist eine neue Welt, auf die man sich vielleicht wird einlassen müssen, um wieder um die großen Erfolge mitzuspielen.
Aber es ist alles ganz weit weg von „One Night in Rio“ und dem Fußball, wie er vor vier Jahren war.