Moskau – Das Gegentor, das Deutschlands WM-Aus unabwendbar machte, war eines, das zunächst abgewunken und nicht gegeben wurde – der Schiedsrichter-Assistent, früher Linienrichter genannt, hatte die Fahne gehoben, weil er den koreanischen Torschützen im Abseits sah. Dennoch wurde das Tor noch anerkannt: nach Intervention des vierköpfigen Videoteams (zwei Portugiesen, ein Niederländer, ein Amerikaner) und einer Nachsichtung durch Referee Mark Geiger (USA).
Die FIFA hat interessierten Medien die Aufzeichnung aus dem Videoraum vorgespielt. „It was the German defender“, heißt es da. Toni Kroos hatte den Ball zuletzt gespielt, durch die Beine von Niklas Süle, sie sogar noch leicht touchiert und das Abseits aufgehoben. Drei Perspektiven werden aufgerufen, sie bestätigen es in aller Schärfe. Klare Sache: Das Tor für Südkorea müsste gelten. „Es war eine gute Idee, dass man auch den Schiedsrichter bat, sich die Szene am Spielfeldrand anzusehen. Es war zwar schon in der Nachspielzeit, aber es ging um die Qualifikation für das Achtelfinale“, sagt Pierluigi Collina. Der berühmte Glatzkopf, mehrmaliger Weltschiedsrichter des Jahres, steht dem Referee-Komitee der FIFA vor. Und die ist trotz einer offiziellen Beschwerde Brasiliens und eines Briefes des marokkanischen Verbands, der eine Liste von Fehlentscheidungen enthält, zufrieden damit, was das System des Video Assistant Referees leistet.
Es wurden Zahlen vorgelegt: 335 Entscheidungen überprüften die Assistenten vor ihrer Monitor-Landschaft (6,9 pro Spiel), 14 Mal ging der Schiedsrichter zum Bildschirm am Spielfeldrand, in drei Fällen wurde aus dem Keller entschieden, ohne dass der Feldschiedsrichter noch eingriff. 14 Entscheidungen wurden abgeändert, zu ihnen gehörte auch, dass Jerome Boateng gegen Schweden eine zweite Gelbe Karte bekam. Collina: „95 Prozent der Fälle, die wir überprüft haben, waren vom Schiedsrichter korrekt entschieden worden. Durch den VAR konnten wir auf 99,3 Prozent erhöhen.“ Fehlen noch 0,7 Prozent. „Das wäre aber gottgleiche Perfektion“, meint Massimo Busacca, Collinas italienischer Landsmann, auch ehemaliger Spitzenschiedsrichter und nun Funktionär im Unparteiischen-Wesen. Für ihn ist es gar keine Frage, dass der VAR sich bei seinem ersten WM-Einsatz bewährt hat: „Ich habe früher oft aus der Ferne entschieden, habe nicht genug gesehen und Glück gehabt. Heute bringen wir den Schiedsrichter in eine Position, dass er nicht mehr eine Entscheidung treffen muss, die seine Karriere gefährdet.“ Busacca weiter: „Der Fußball ist zum schnellen Umschaltspiel geworden, der Ball gelangt in sechs Sekunden von einem Strafraum zum anderen. Da kommt man als Schiedsrichter nicht mehr mit. Was hätten wir hier für Fragen, wenn es den VAR nicht gäbe?“
Ob die FIFA die erhellenden Konversationen im VAR-Raum künftig öffentlich macht? Da ist der große Pierluigi Collina zurückhaltend: „Jetzt wäre es verfrüht. Bevor wir rennen, müssen wir erst gehen lernen.“ Günter Klein