Frankfurt/München – Die Fotografen warten jetzt wieder vergeblich. Vor ein paar Tagen noch, in Sotschi, war das einfacher. Sie mussten nur früh genug aufstehen und ihre Kameras ans Meer schleppen, dann tauchte er irgendwann schon auf, Joachim Löw, der Strandläufer, der an seinen Körper dachte, aber auch an sie, die Fotografen, und ganz besonders an ihre Bilder, die eine aufmunternde Botschaft in die aufgewühlte Heimat versendeten: alles cool, passt schon, der Jogi hat’s im Griff. Nur hat sich dann gegen Südkorea mit jeder abgelaufenen Minute, mit jedem abgefangenen Pass herausgestellt: es ist nicht cool, es passt nicht. Das änderte sich auch nicht mehr. Die Bilder aus dem Stadion ersetzten die Bilder vom Strand. Und als die WM für den Weltmeister nach dem dritten Vorrundenspiel plötzlich vorbei war, mussten auch jene, die bis zum Ende an die deutsche Fußballnationalmannschaft und ihren Trainer geglaubt hatten, einsehen: Der Jogi hatte es halt doch nicht mehr im Griff.
Vor zwei Tagen schließlich hat sich Löw, 58, am Frankfurter Flughafen das letzte Mal vor die Kameras gestellt. „Wir sind am Boden“, sagte er – und tauchte dann ab. Er will jetzt nachdenken über das historische Scheitern in Russland, das sich nur vier Jahre nach dem historischen Triumph von Rio zugetragen hat. Wenn er fertig gegrübelt hat, wird er zurückkehren. Nur ob er dann noch Bundestrainer sein wird, weiß er nicht.
Die neue Ungewissheit stachelt freilich zum Spekulieren an. Und weil sehr viele Deutsche nicht nur zu wissen glauben, welche Spieler die richtigen sind, sondern auch welcher Bundestrainer, wird nun fleißig mit Namen geworfen. Die Nachrichtenagenturen meldeten pflichtschuldig, dass die deutschen Spitzentrainer Jürgen Klopp (FC Liverpool), Thomas Tuchel (Paris Saint-Germain) und Julian Nagelsmann (ab 2019 RB Leipzig) langfristig vergeben sind. Sie fügten an – und das ist schon etwas absurd –, dass der Österreicher Ralf Hasenhüttl (früher Leipzig) und der Franzose Arsène Wenger (früher Arsenal) frische TrainerSingles sind. Und dann, als ersten kleinen Höhepunkt der innerdeutschen Trainer-Debatte, erwähnten sie sogar, dass Jupp Heynckes sich mit 73 Jahren gerade erst wieder in den Ruhestand verabschiedet hat.
So ist das im Fußball: Die neuen Namen tauchen derart schnell und routiniert auf, man vergisst leicht, dass Löw selbst noch gar nicht aufgegeben hat – und andere ihn auch nicht. Sami Khedira, Löws Mittelfeldspieler, sagte zur „Bild“: „Er hat jahrelang tolle Arbeit geleistet, junge Spieler ans Team herangeführt.“ Niko Kovac, der neue Bayern-Trainer, schrieb in seiner „FAZ“-Kolumne: „Für mich ist Joachim Löw der Richtige, um den Umbruch zu gestalten, der nun ganz natürlich kommt.“ Er habe die Mannschaft personell wie taktisch stets weiterentwickelt. Und Rudi Völler, früher selbst mal DFB-Teamchef, betonte im „Kölner Stadt-Anzeiger“, Löw habe „die Qualität und die Ausstrahlung, mit einem notwendigen Umbruch etwas Neues aufzubauen, auch wenn der Gegenwind jetzt etwas größer“ geworden sei.
Nun kann man natürlich Argumente dafür finden, dass Löws Ruf in Russland einen zu großen Schaden genommen hat. Vielleicht ist die Bürde des vermasselten 2018-Turniers in Zukunft zu gewaltig. Es schien zudem, als hätte dem Weltmeistertrainer dieses Mal die große Spielidee gefehlt. Richtig ist aber auch, dass Löw schon einmal aus einem Fehler gelernt hat. Als er im EM-Halbfinale 2012 gegen Italien die falsche Taktik wählte, brachte ihn das als Trainer weiter – und den DFB zwei Jahre später zum Titel.
Es war daher nicht weiter verwunderlich, dass sich Präsident Reinhard Grindel noch in Russland meinungsstark für seinen Trainer einsetzte. Der inzwischen in die Kritik geratene DFB-Manager Oliver Bierhoff kündigte an: „Wir müssen knallhart intern diskutieren.“ Falls das tatsächlich passiert, dürften die Verbandschefs feststellen, dass auch sie Fehler gemacht haben. Dazu zählt die Wahl des Quartiers, vor allem aber der Umgang mit der Erdogan-Affäre um die Nationalspieler Özil und Gündogan.
In der aufregenden Löw-Debatte sollte der DFB nun aber nicht ignorieren, dass er in Russland auf ein wesentlich vielschichtigeres Problem als seinen Trainer gestoßen ist: Es fehlte dem deutschen Kader schlicht an Qualität.