Analyse erst im September

von Redaktion

Klar ist: Joachim Löw macht weiter – Unklar ist: Welche Schlüsse zieht er aus der WM

Von Günter Klein

Moskau – Das Spiel wie nach der EM 2012, WM 2014 oder der EM 2016 konnte Joachim Löw diesmal nicht aufführen: sich für Wochen an einen unbekannten Ort im Ausland zurückziehen, in sich hineinhören, die Nation warten lassen mit der Beantwortung der Frage: Macht er weiter als Fußball-Bundestrainer? Diesmal sind nur fünf Tage vergangen, bis klar war: Ja, er macht weiter.

Löw hatte Entscheidungsdruck: Es ging weniger darum, ob er nach einem Erfolg (Weltmeister) noch Feuer in sich verspürt oder wie er mit einer milden Enttäuschung (zweimal im europäischen Halbfinale gescheitert) fertig wird, sondern wie er auf eine Katastrophe reagiert. Er tauchte nicht völlig unter, er zeigte sich in Freiburg. DFB-Präsident Reinhard Grindel spielte ihm den Ball am Wochenende zu, Löw nahm ihn an, am Dienstag kam es zu einer finalen Tagung des Präsidialausschusses (Grindel, die Vizepräsidenten Rainer Koch und Peter Peters, Generalsekretär Friedrich Curtius, Liga-Präsident Reinhard Rauball) mit Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff und Joachim Löw in der Verbandszentrale in Frankfurt. Kurz nach 14 Uhr wurde das Ergebnis offiziell: „Joachim Löw setzt Tätigkeit als Bundestrainer fort.“

Doch wer sich von diesem Treffen bereits eine klare Wegweisung erhofft hätte, wurde enttäuscht. Die Analyse zur Weltmeisterschaft und zum historischen Scheitern vertagte man. In der Mitteilung des DFB heißt es: „Gemeinsam kam man überein, dass eine überstürzte und oberflächliche Bewertung wenig Sinn mache. In den kommenden Wochen werden das Trainerteam um Löw sowie Bierhoff eine tiefgehende Analyse vornehmen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse und Konsequenzen noch vor dem nächsten Länderspiel dem Präsidium vorstellen.“ Die Nationalmannschaft trifft sich als nächstes in München, wo sie am 6. September mit dem Spiel der Neukreation Nations League gegen Frankreich in die Saison 2018/19 einsteigt. Weiter geht es mit einem Testspiel gegen Peru in Sinsheim (9. September).

Löw versicherte in Frankfurt, dass er „bei aller Enttäuschung über das sportliche Resultat ungebrochene Motivation und Energie“ verspüre, die nächsten Aufgaben anzugehen. Auch Philipp Lahm, Ehrenspielführer der Nationalmannschaft, hatte gemutmaßt, dass Löw zumindest die EM 2020 reizen würde. Er hat die EM noch nicht gewonnen, in zwei Jahren wird das Turnier ein besonderes Format haben, weil es in mehreren Ländern ausgetragen wird. Katar 2022 könnte dann die WM-Wiedergutmachung für Russland sein.

Gestern war der Tag der Willensbekundungen. Präsident Grindel sagte: „Wir sind alle der festen Überzeugung, dass wir mit Jogi Löw einen Bundestrainer haben, der sehr genau analysieren, die richtigen Schritte einleiten und unsere Mannschaft zurück in die Erfolgsspur führen wird.“ Löw meinte: „Ich spüre trotz der berechtigten Kritik an unserem Ausscheiden auch generell viel Rückhalt und Zuspruch.“ Bierhoff fügte an: „Wir haben lange zusammengesessen, und ich habe bei Jogi die volle Energie gespürt weiterzumachen. Nach 14 Jahren erfolgreicher Arbeit müssen wir nun einen Neuaufbau starten und werden uns jetzt konkret Gedanken darüber sowie über weiterführende strukturelle Veränderungen machen.“ Löw versprach seine Analyse („Braucht Zeit“) bis September.

Klar ist: Auch Ergebnisse aus zweitrangigen Spielen werden nun anders gewichtet werden, Löw könnte also auch da unter Druck geraten. Das Land ist ausgewühlt.

Einer seiner Vorgänger erlebte diese Situation: Berti Vogts. Der Gewinn der EM 1996 war sein großer Erfolg, nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM 1998 wäre es naheliegend gewesen, die Akte Vogts zu schließen. Der damalige Bundestrainer machte trotzig weiter, holte alte Spieler zurück (Effenberg), baute neue ein (Ballack) – und warf nach missglückten Testländerspielen gegen Malta und Rumänien hin.

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