Home Office mit einem hustenden Fußballexperten

von Redaktion

In der Nacht zum Montag fing es an. Bellendes Gehuste, dass es schon beim Zuhören schmerzte, die Augenringe tief, der Auswurf alarmierend grünlich. So eine WM geht offenbar nicht nur bei den Spielern an die Substanz, sondern auch bei den jüngsten Fans, die viel zu oft viel zu wenig Schlaf abbekommen haben. Klarer Fall jedenfalls: So kann der Bub nicht in die Schule!

Und wie das so ist in einer modernen Familie: Alles wird geteilt. Den Arztbesuch übernimmt die Mama – auch den Rest des ersten Krankheitstages, an dem der Junior leidet wie sonst nur Neymar jr. nach einem Tritt auf den Fuß. Den Dienstag muss dann der Papa regeln, irgendwie. „Kindskrank“ melden geht nicht, da die WM-Redaktion unterbesetzt ist. Der Kompromiss lautet: Home Office. Bedeutet: Alleine daheim mit dem Arbeitslaptop – und mit dem Sohnemann, dem nicht nur eine obstruktive Bronchitis zu schaffen macht, sondern auch ein gar nicht mal so geringes Fußballfieber . . .

Das ist schon in aller Herrgottsfrüh festzustellen, denn der Heimarbeitstag beginnt nicht mit einem fröhlichen „Guten Morgen“, sondern mit der dahingekrächzten Frage: „Wie ist Belgien gegen Japan ausgegangen?“

Die Auskunft gibt es ausnahmsweise visuell – der Patient darf den Sportblock des „MoMa“ schauen, mit der Zusammenfassung des Abendspiels. Der Daheim-Redakteur nutzt die gewonnene Zeit, um ein paar Anrufe zu tätigen und E-Mails zu schreiben, wird dann aber durch lautes Getrampel gestört. Spielt da jemand die belgische Aufholjagd nach? Nicht ganz. Das Sorgenkind, gestärkt durch ein Müsli, ist kurzzeitig zum Sofa-Trainer mutiert, der seinem kleinen Bruder wertvolle Karrieretipps gibt, einen Stoffball durchs Wohnzimmer dribbelnd. „Sieh zu, dass du nicht nur mit rechts spielst“, belehrt er den Sechsjährigen: „Du musst beidfüßiger werden. Linksverteidiger, die offensiv sind, werden auf der ganzen Welt gesucht!“

Die Folge ist ein Platzverweis: Die Kleinen kommen in den Kindergarten, der Große wird zur Lektüre von „Robbi, Tobbi und das Fliewatüüt“ verdonnert, einem garantiert fußballfreien Kinderbestseller. Ruhe kehrt ein im Haus, der Patient scheint die WM vorübergehend zu vergessen. Außer um 10.26 Uhr („Hat gestern eigentlich jemand 3:2 getippt?“), um 10.57 Uhr („Wann ist heute das erste Spiel?“) – und gegen Mittag. Kurz nach dem Inhalieren taucht die Frage auf: „Glaubst du, die Schweiz gewinnt gegen Schweden? Das wäre nämlich lustig, denn dann wäre die Gruppe F komplett ausgeschieden.“

Besagtes Spiel ermöglicht zumindest am Nachmittag konzentriertes Arbeiten. Unmittelbar nach dem Abpfiff wird der Junior dann wehmütig: „Schade, dass ich morgen auch nicht in die Schule gehen darf. Ich vermisse meine Freunde.“ In der Tat dürfte der Mittwoch noch einmal besonders hart werden, für alle Beteiligten. Für die Eltern, die eine weitere kreative Betreuungslösung finden müssen – und für den kranken Fußballfan. Denn: Die WM macht jetzt zwei Tage Pause. uli Kellner

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